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Kempen stürzt beim Fahrradklima-Test ab

18.03.21

Kempen ist von Platz 34 (2018 ) auf Platz 114 gefallen und wird nur noch mit ausreichend (3,7) bewertet.

Alle zwei Jahre fragt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) unterstützt vom Bundesverkehrsministerium im Fahrradklimatest die Menschen „Wie ist Fahrradfahren in Deiner Stadt“. Bei der letzten Befragung 2018 hat Kempen mit der Schulnote 3,4 immerhin Platz 34 in der Kategorie Städte von 20 bis 50-tausend Einwohner erreicht. In der neuesten Befragung vom Spätherbst 2020 gab es lediglich die deutlich schlechtere Gesamtnote „ausreichend“ mit 3,7 und damit Platz 114. Das "Zeugnis" gibt es hier.

Bei den Zusatzfragen zu „Corona und Radfahren“ sieht das Ergebnis noch schlechter aus. Platz 212 und eine Note von 4,11 zeigen deutlich, dass die RadfahrerInnen vergeblich während der Pandemie auf Verbesserungen gewartet haben.

Punkten konnte Kempen wieder bei der Frage der Erreichbarkeit der Stadt (2,0) und ob Jung und Alt Fahrrad fahren (2,1).

 

In Kempen haben während der Pandemie die Menschen neue Radziele entdeckt (62%) und die Bedeutung des Rads ist bei vielen gestiegen (64%). Mehr Platz für den stärkeren Radverkehr und somit mehr Platz für den Fußverkehr gab es in der Zeit jedoch nicht. ADFC zusammen mit der BIKK und der Bürgerinitiative Fairer Verkehr in St. Hubert hatten am 17.04.2020 u.a. Popup-Bikelanes als Sofortmaßnahme auf dem Ring gefordert. Doch der Haupt- und Finanzausschuss hat die Beantwortung der Anregung am 09.06 (2 Monate später) an die Verwaltung verwiesen und Ex-Bürgermeister Volker Rübo teilte am 08.07. 2020 mit, dass die Stadt Kempen der Anregung nicht folgt.

Die Politiker sind in den Augen der Befragten dem Radverkehr gegenüber noch immer nicht besonders aufgeschlossen. So meinten nur 14% der Befragten, dass Politiker das Radfahren entdeckt haben. Dies wurde z.B. bei den Ausschusssitzungen im Januar und Februar 2021 in St. Hubert deutlich erkennbar, denn es standen nur wenige Fahrräder, aber viele Autos vor dem Sitzungssaal, teilweise verbotenerweise auf dem Schulhof direkt vorm Eingang des Forums parkend.

"Stillstand ist Rückschritt"

Seit Jahren gibt es keine wirklichen Verbesserungen für den Radverkehr in Kempen, obwohl er sichtbar zugenommen hat. Immer mehr Sonderfahrräder (Lastenräder, Velomobile, Fahrräder mit Anhänger, …) sind auch in Kempen unterwegs, die mit der vorhandenen Infrastruktur nicht klarkommen. Immer mehr Fahrräder fahren auf der Straße, weil die Radwege zu schmal und von schlechter Qualität sind und z.B. ein Überholen nicht zulassen.

Besonders schlecht schnitt Kempen mit 4,5 bei der Führung an Baustellen ab. Auch hier war der ADFC schon im Einsatz. FUSS e.V. hat erst vor zwei Wochen z.B. die neue Baustellenregelung an der Kreuzung Donkring/St. Töniser Straße/Hülser Straße/Moorenring bemängeln müssen. Die BIKK musste auf die Gefährlichkeit bzw. Unzumutbarkeit der Baustellenregelungen an der Ecke St. Huberter Straße/Am Bahnhof sowie auf der Thomasstraße vor der Burg hinweisen. Die Anregungen wurden bisher leider vom Ordnungsamt und von der Bauverwaltung ignoriert oder abgelehnt. Es gab also genügend Hinweise, dass auf diesem Feld nachgebessert werden muss. Dies haben wohl auch die Befragten so empfunden, wie man an den Zahlen deutlich erkennen kann. Ebenfalls nur ausreichend wurden die Punkte Fahrradförderung in jüngster Zeit (4,1), Falschparkerkontrolle (4,4) und Ampelschaltungen für Radfahrer (4,4) bewertet.

In Kempen wurde ein neues Radverkehrskonzept entwickelt, welches bereits 2019 vom Rat verabschiedet worden ist. Doch selbst nach mehr als einem Jahr sind keine Umsetzungsmaßnahmen zu erkennen, noch nicht einmal die Aufhebung der Radwegebenutzungspflicht, die an verschiedenen Stellen im Radkonzept gefordert wurde, war möglich.

In den letzten Wochen wurden neue Hinweistafeln an Knotenpunkten aufgestellt. Kempen konnte schon vorher mit der Beschilderung beim Klimatest punkten (2,6). Allerdings wurde dies bei der Wichtigkeit erst als vorletzte Priorität angegeben. Als weniger wichtig (44%) wurden nur noch öffentliche Fahrräder genannt, obwohl dieser Bereich in Kempen mit mangelhaft (4,9) bewertet worden ist.

Der ADFC stuft das beschlossene Radverkehrskonzept als stark verbesserungsfähig ein und kann dies jetzt auch mit den angegebenen Wünschen der Bürger belegen. Die Kempener sehnen sich nach Sicherheit beim Radfahren.

Top 10 der Nennungen "Wichtigkeit für den Radverkehr"

 

  1. Sicherheitsgefühl der RadfahrerInnen (93%)

  1. Akzeptanz von Radfahrer/Innen als Verkehrsteilnehmer (93%)

  1. Konfliktfreiheit zwischen Radverkehr und Autoverkehr (92%)

  2. Hindernisfreiheit auf Radwegen (90%)

  3. Oberflächenqualität der Wege für RadfahrerInnen (88%)

  1. Zügige Erreichbarkeit von Zielen (88%)

  1. Breite der Wege für RadfahrerInnen (87%)

  2. Konflikte zwischen FußgängerInnen und RadfahrerInnen (85%)

  1. Winterdienst auf Radwegen (85%)

  1. Reinigung der Radwege (84%)

 

Hinweisschilder, die wohl eher für touristische Radfahrende von Bedeutung sind, werden schon jetzt mit 2,6 als gut bewertet. Deren Wichtigkeit ist mit 68% bei den Bürgern eher gering. Trotzdem wurde in Kempen viel Zeit und Geld für Knotenpunkt-Schilder investiert. Hier wird deutlich, dass die Bedürfnisse der AlltagsradlerInnen eher nicht berücksichtigt werden.

So kann und darf es nicht weitergehen. Verbände wünschen mehr Mitspracherechte bei weiteren Planungen. Nach Einschätzung des ADFC sind viele der im Radverkehrskonzept geplanten Maßnahmen teuer und bringen wenig Verbesserungen. Gefühlte Sicherheit ist der Ansatzpunkt, an dem in Kempen kräftig gearbeitet werden muss. Die Vorstellung, dass Minikreisverkehre und ungesicherte Schutzstreifen, wie sie im Radkonzept stehen, nicht der (gefühlten) Sicherheit dienen, muss endlich verstanden werden. Kempen ist die Stadt der kurzen Wege und dies ist den Menschen auch bekannt, denn die Erreichbarkeit der Innenstadt wurde mit 2,0 bewertet.

ADFC und FUSS e.V. hoffen, dass das deutliche Signal des Fahrradklimatests von Stadt und Politik verstanden wird und ein sicheres durchgängiges Vorrangroutennetz entsteht, damit sich auch Kinder allein sicher von A nach B bewegen können.

Bürgermeister Christoph Dellmans hat schon bei einem (virtuellen) Treffen mit FUSS e.V. große Bereitschaft für eine Zusammenarbeit gezeigt. Auch die Einstellung einer Mobilitätsmangerin ist ein Schritt in die richtige Richtung, so dass Mensch hoffen kann, dass der nächste Fahrradklimatest Kempen wieder auf eine der vordersten Positionen bringen könnte. ADFC, FUSS e.V. und VCD haben schon jetzt jede Unterstützung zugesagt, damit aus dem autogerechten Radverkehrskonzept ein Konzept für Menschen, insbesondere für Kinder wird. Die Umsetzungswünsche von ADFC und FUSS e.V. sind komfortabel, fahrradfreundlich, schnell umsetzbar und wesentlich günstiger als viele der geplanten Maßnahmen der Stadtverwaltung. Deshalb hofft der ADFC, dass die relevanten Verbände (ADFC, FUSS e.V. und VCD) bessere Mitspracherechte bekommen. Fehlplanungen, wie die Angstweiche an der Kreuzung Arnoldstraße/Industriering Ost dürfen nicht wieder passieren. Die Vorschläge von ADFC/FUSS e.V. sind schnell und unkompliziert als Verkehrsversuch nach § 45 Abs. 1 Satz 2 Nr. 6 zweiter Halbs. StVO umsetzbar. Es ist eine Frage des Wollens. Die Verbände setzen auf den neuen Bürgermeister, der gern mit dem Rad durch Kempen fährt.


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