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Qualitätsstandards von Fahrradstraßen in Münster: der Aspekt Verkehrssicherheit

21.08.20
Kategorie: Verkehr, Verkehrsplanung, Verkehrspolitik, Sicherheit

Neue Qualitätsstandards – neue Infografik (Illustration: Stadt Münster)



Unübersichtlich: alte Infografik am Lütkenbecker Weg (Bild: Andreas K. Bittner)



Max-Winkelmann-Straße (Hiltrup): Vor Roteinfärbung und Protesten (Bild: Andreas K. Bittner)



Das demnächst fünf-köpfige "Team Fahrradbüro" (ab 1.9.2020) mit Verkehrsplaner Michael Milde (links) auf der frisch fertiggestellten Fahrradstraße Lindberghweg anlässlich einer Feierabendtour beim Stadtradeln Münster (Bild: Andreas K. Bittner)



Niederländisches Vorbild: Autos zu Gast (Adaption: ADFC Münsterland)



Fahrradstraße Lütkenbecker Weg – vor der Roteinfärbung (Bild: Andreas K. Bittner)



Neue Qualitätsstandards: Roteinfärbung an der Goldstraße (Bild: Martina Kocik)



Fast fertig: Goldstraße an den Klostergärten (Bild: Andreas K. Bittner)



Fahrradpiktogramm – auf der unvollendeten Hittorfstraße (Bild: Andreas K. Bittner)



Neue Qualitätsstandards – einfach zusammengefasst (Folie: Stadt Münster)



Stand der Arbeiten in der Annette-Allee am 23. Juli 2020 (Bild: Stadt Münster)



Paint is no Protection! (Bild: Andreas K. Bittner)


Die Maßnahmen der Stadtverwaltung zur Umsetzung der politisch beschlossenen „Qualitätsstandards von Fahrradstraßen“ in Münster haben in den letzten Wochen zu Unmut und Widerstand bei Anwohner*innen geführt. Unterschriftensammlungen, Proteste und Leserbriefe ­ und viel Aufmerksamkeit in Medien und bei Parteien, die sich für den Endspurt im Kommunalwahlkampf 2020 rüsten. Der ADFC Münsterland bedauert, dass in der bisherigen Debatte ein Aspekt so gut wie gar nicht vorkommt: die Verkehrssicherheit. Wir haben uns die Details im Beschluss noch mal angesehen.

 

Die (bisherigen) Fahrradstraßen in Münster werden regelmäßig von vielen Radfahrenden ­ insbesondere auch von  Schüler*innen ­ genutzt. Das gilt zum Beispiel für die Max-Winkelmann-Straße in Münster-Hiltrup, die eine beliebte Verbindung zu mehreren Schulen im Stadtteil ist. Ob es hier offizielle Verkehrszählungen gegeben hat, wissen wir nicht – aber ein Fahrradaktivist hat zum Schulanfang nach den Sommerferien mal genauer hingeschaut.

Der ADFC Münsterland begrüßt, dass Neue Qualitätsstandards für Fahrradstraßen, die seit Juli 2019 gelten, mit der Roteinfärbung die Veränderung auch optisch gut wahrnehmbar machen. Weitere Maßnahmen wären denkbar, heißt es beim zuständigen Amt für Mobilität und Tiefbau:

"Nur die Fahrgasse (ausgenommen Sicherheitstrennstreifen und Parkstände) wird flächig rot eingefärbt, zusätzlich werden die Einmündungsbereiche zur Erhöhung der Aufmerksamkeit markiert und gegebenenfalls durch gestaltete "Tor-Situationen" (z. B. Aufpflasterungen, beidseitige Inseln) hervorgehoben."

Vor allem eine ausreichend breite Fahrbahn dürfte die Fahrradstraßen für Radfahrende sicherer machen. Laut den derzeit gültigen Empfehlungen für Radverkehrsanlagen von 2010 (kurz: ERA) benötigen einspurige Fahrräder einen Verkehrsraum von mindestens 1,00 Meter, mehrspurige Lastenfahrräder oder Räder mit Anhänger sogar mindestens 1,30 Meter. Im „Radverkehrskonzept – Münster 2025“, das vom Rat der Stadt Münster (bzw. dem Ausschuss für Stadtplanung, Stadtentwicklung, Verkehr und Wohnen) im November 2016 mehrheitlich beschlossen wurde, heißt es ausdrücklich:

"Angestrebt ist eine Dimensionierung von Radverkehrsanlagen, die ein kommunikatives Nebeneinanderfahren, das notwendige Überholen aufgrund unterschiedlicher Fahrgeschwindigkeiten und die Nutzung von Lastenfahrrädern als Transportmittel sowie von Fahrradanhängern ermöglicht" (graphische Darstellungen siehe Anlage 2). aus: Radverkehrskonzept – Münster 2025, Seite 7, komplett hier als PDF, eigene Hervorhebungen.

Das bedeutet: für sicheres und komfortables Radfahren ist eine Mindestbreite von 4,00 Metern für Fahrradstraßen unabdingbar. In der Anlage 2 zur Vorlage V/0647/2016: Graphische Darstellung der neuen Radverkehrsstandards sind die geplanten Breiten und Markierungen, auf Seite 7 für Fahrradstraßen, zusammengefasst. (Hier als PDF)

Hinzu kommt: Die Novelle der Straßenverkehrsordnung (StVO) vom Mai dieses Jahres sieht innerorts 1,50 Meter Abstand beim Überholen von Radfahrenden vor. Wird ein Kind auf dem Rad oder im Kinderanhänger transportiert, ist sogar ein Mindestabstand von 2,00 Metern einzuhalten. Daher darf die beschlossene Breite von 4,00 Metern nicht durch parkende Autos beschnitten werden. Zudem bergen parkende Autos, wie erst kürzlich eine Studie des Unfallforschung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erneut belegt, große Gefahren für Radfahrende, zum Beispiel durch unachtsam geöffnete Fahrzeugtüren (Dooring).

"Für die bestehenden und die geplanten Fahrradstraßen ist eine Fahrgasse von mindestens vier Metern Breite vorgesehen. Da zu breite Fahrgassen zu erhöhter Geschwindigkeit des Kfz-Verkehrs führen, soll die Fahrgassenbreite maximal fünf Meter zuzüglich Sicherheitstrennstreifen zu parkenden Kfz betragen. Das Parken wird nach dem neuen Konzept häufig nur noch auf einer Straßenseite möglich sein und teilweise sogar beidseitig entfallen müssen. Komfort und Sicherheit profitieren entscheidend, wenn die Radfahrenden mehr Platz bekommen. Gleichzeitig ergibt sich ein Mehr an Lebens- und Aufenthaltsqualität für die Anwohnerinnen und Anwohner." (Amt für Mobilität und Tiefbau mit Bezug zur Beschlussvorlage V/0151/2019: Neue Qualitätsstandards für Fahrradstraßen, eigene Hervorhebung)

Wenn die Breite der Fahrradstraßen zu überhöhten Geschwindigkeiten verleitet oder diese als Schleichwege zweckentfremdet werden, sollten sie gemäß der Beschlusslage als Anliegerstraßen eingerichtet oder die Durchfahrt gesperrt werden, um den Durchgangsverkehr zu unterbinden. Der Parksuchverkehr sollte durch Reduzierung der Parkplätze in Fahrradstraßen sowie Einrichtung und Anliegerparken reduziert werden. Als Ausgleich könnten Quartiersparkplätze angeboten werden. Auch kann das Abstellen des Autos auf dem eigenen Grundstück für die Sicherheit von Radfahrenden erwartet werden.

Die Pläne für eine größere Sicherheit auf Münsters Fahrradstraßen sind stadtweit in allen sechs Bezirksvertretungen, im Planungsausschuss und im Haupt- und Finanzausschuss vorgestellt und beraten worden. Der Beschluss erfolgte am 3. Juli 2019 im Rat der Stadt Münster.

Der Rat beschloss mit Mehrheit (OB, CDU, Bündnis 90/Die Grünen/GAL, DIE LINKE., Piraten/ÖDP, Herr Pfau) bei Gegenstimmen (AfD) und Stimmenthaltungen (SPD, FDP)“ (Niederschrift der öffentlichen Ratssitzung am 3.07.2019)

 

Die politischen Gremien haben sich damit mehrheitlich auch für den Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer*innen entschieden. Die neuen Qualitätsstandards – wenn sie denn konsequent umgesetzt werden – können hierzu entscheiden beitragen. Eine Roteinfärbung und ein paar Piktogramme reichen jedenfalls nicht.

Paint is no protcetion – Farbe ist keine Infrastruktur!

 

Der Text ist das Ergebnis intensiver Diskussionen in unserer Fachgruppe Radverkehr.


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