Engagement: Wie offen sind wir?

29.11.20
Kategorie: Service, Verkehrspolitik, Aktuelles

Mit offenen Armen: Willkommen im ADFC! (Bild: ADFC/Deckbar)



Junge Fahrraddemo in Hamburg 2019 (Bild: ADFC Hamburg)



Arbeitsgruppe "Mehr Frauen im ADFC" bei der Bundeshauptzversammlung 2019 (Bild: ADFC/Deckbar)



Deutsche Bahn – auch auf dem Weg zu Digitalisierung und Diversität (Bild: Deutsche Bahn)



Bunt und vielfältig (Bild: pixabay)



Folie Südwestforum 2020: Maßnahmen für mehr Frauen



Titel: Dritter Engagemenbericht der Bundesregierung: Junges Engagement im digitalen Zeitalter (Screenshot: ADFC Münsterland)



Martina Kocik, engagiert sich für Chancengleichheit und Diversität im Landesvorstand ADFC NRW (Bild: Andreas K. Bittner)


Klima – Corona – Kardio: Wir erleben gerade, wie das Thema „Fahrrad“ boomt – und die Menschen sicher noch länger begeistern wird. Demnächst erwartet der ADFC in Nordrhein-Westfalen sein 50.000stes Mitglied. Wir werden es (m/w/d) mit offenen Armen empfangen. Wir sind für engagierte Fahrradmenschen offen. Aber: Wie offen sind wir selbst?

 

Gleichstellung und Diversität, also Vielfalt, beides gilt in einer offenen Gesellschaft als erstrebenswert und selbstverständlich. Der ADFC Bundesverband positioniert sich hier klar und macht deutlich, dass er sich für die Belange von Fahrradfreundïnnen einsetzen will – und überhaupt für alle Menschen, die sich für das Radfahren interessieren. Zitat: „Der ADFC vertritt die Interessen ALLER Menschen, die das Fahrrad nutzen oder nutzen wollen. Und das sieht man dem ADFC auch an!

Eva Becker heißt übrigens das 200.000ste ADFC-Mitglied in Deutschland. Sie ist zusammen mit ihrer Familie eingetreten und sagte:

Für meinen Partner und mich war es schon länger eine Überlegung, eine stärkere Sichtbarmachung des Themas Fahrrad fahren und Verkehrswende im öffentlichen Diskurs zu fördern, sodass wir uns entschieden haben, die Arbeit des ADFC zu unterstützen."

Vielfalt statt Einfalt?

Interessant: die Mitgliederzahlen im Fahrradclub sind ziemlich ausgewogen: 48 % sind weiblich und 52 % männlich. Beim Anteil der Aktiven zeigt sich indes ein deutliches Gefälle: denn 12 % der Aktiven sind Männer, aber nur 6 % Frauen. Ich erlebe, wie mühsam sich Diversität entfaltet. Die gefühlte Realität in Orts- und Fachgruppen, in Debatten, Mitgliedermagazinen und sogar auf Radtouren ist eine andere. Viele „Aktionsfelder“ im ADFC, ja auch in unserem Kreisverband, sind immer noch männliche Domänen. Männer führen meist das Wort – und die Touren an.  Bände spricht ein Blick auf die Redaktion des Leezenkurier. Alle Menschen haben das Bedürfnis, sich in Sprache, Bildern und Geschichten wiederzufinden. Blättert die vier Ausgaben von 2020 unter diesem Aspekt einmal durch. Oder unser Radtourenprogramm: herrliche Dominanz bei Tourguides und Touren. Das hat mich bewogen, ein Angebot „Von Frauen – für Frauen im ADFC“ zu schaffen. Trotz der Pandemie waren die Reaktionen überwältigend.

Ich meine: unsere Kommunikation, die internen Strukturen sind weder repräsentativ noch inklusiv. Sicher kein Spiegelbild der Fahrrad fahrenden Gesellschaft. Noch weniger als Frauen sind Menschen mit Migrationsbiografie oder Behinderung sichtbar. Ähnliches gilt für junge Menschen und Familien in unserem Kreisverband. Wenn die Verkehrswende gelingen soll, muss sie in der ganzen Breite der Gesellschaft ankommen. Wir sollten uns fragen: Wie gelingt es uns, dass neue Aktive den ADFC als coolen Verein wahrnehmen, bei dem sie gerne mitmachen?

Der beste Weg, andere für uns zu interessieren, ist es, an ihnen interessiert zu sein.

Dieser Satz bringt es auf den Punkt. Wenn Menschen sich für den ADFC bzw. für unsere Aktivitäten im Kreisverband interessieren sollen, dann müssen zunächst wir Interesse zeigen. Engagement kann man nicht verordnen. Jederfrau, die sich engagiert, schenkt uns ihre Zeit und Persönlichkeit. Während das traditionelle Ehrenamt früher eher aus Pflichtgefühl wahrgenommen wurde, weil es „zum guten Ton gehörte“ und Engagierte fraglos bereit waren, sich in Hierarchien und manchmal sogar „Dienstpläne“ einzuordnen, ist unsere heutige Kultur von anderen Werten geprägt. Engagement ist eine bewusste Entscheidung aus persönlichen Gründen, die mit individuellen Wünschen verbunden wird. Im Übrigen auch was die konkreten Räume und Freiräume angeht. Vereinsheim und Vereinsmeierei sind nicht mehr gefragt. Vielmehr besteht die Erwartung, dass das sogenannte Amt – besser: die gemeinschaftliche Aktivität – Freude bereitet und den eigenen Werten und Zielen entspricht.

Wie geht engagementfreundlich?

In einem engagementfreundlichen Kreisverband fühlen sich alle Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und ihres Geschlechts wohl.

Wenn wir mehr Vielfalt und Engagement wollen, müssen wir auf engagementfreundliche Rahmenbedingungen setzen. Das beginnt mit Wertschätzung und einer Anerkennungskultur, die direkt an die Motive der Menschen anknüpft und setzt sich damit fort, neue Bereiche und Aufgaben zu schaffen, die den persönlichen Möglichkeiten der Engagierten entgegenkommen. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten, die Frei-Zeit zu verbringen, was macht es attraktiv, sich gerade bei uns im Fahrradclub vor Ort zu engagieren? Welche Erwartungen haben potenzielle neue Aktive und Unterstützerïnnen, wie erreichen wir diese Menschen. Und: Was bieten wir?

Der aktuelle, dritte Engagementbericht der Bundesregierung (PDF) vermittelt Einblicke zum Engagement junger Menschen. Ein wichtiger Anteil des Engagements junger Menschen findet inzwischen digital vermittelt statt; drei Aspekte will ich hervorheben.

  • Bestehende Formen des Engagements werden durch Formen digitalen Engagements ergänzt – also nicht ersetzt.
  • Digitalisierung wird selbst zum Thema von Engagement
  • Für traditionelle Organisationen bedeutet Digitalisierung einen herausfordernden Strukturwandel.

Diese Entwicklungen können wir als Potenzial sehen und in unterschiedlichen, bislang brach liegenden Bereichen für uns nutzen. Hinzu kommt: Die Pandemie zeigt und beschleunigt, die Nutzung digitaler Werkzeuge, den Wandel von Kommunikationsformen und -verfahren. Bereiche wie unsere Öffentlichkeitsarbeit aber auch Themen wie „Schulung und Weiterbildung“ sind hervorragende Engagementfelder für junge Menschen, die ihren eigenen Blick auf unsere gemeinsamen Themen einbringen können.

Während einer der Kennenlern-Radtouren von und mit Frauen bin ich von einer Teilnehmerin nach den Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements bei uns im Kreisverband angesprochen worden. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass wir für diese und jene Aufgaben noch Menschen (vor allem Frauen) suchen, weil uns der weibliche Blick auf die Themen wichtig ist. Aber genau das konnte ich leider nicht beantworten. Welche Engagementfelder gibt es bei uns, wie sehen die Aufgaben aus, welche Aufgaben sind noch zu vergeben, welche Freiräume können Engagierte nutzen? Wieviel Zeit sollten sie mitbringen?

Der Faktor Zeit kann zum echten „Engagement-Killer“ werden, wenn wir Mammut-Aufgaben zu vergeben haben – oder nicht einmal Aussagen zum zeitlichen Aufwand machen können. Menschen – insbesondere Frauen, die meist einen höherem Anteil an Care-Aufgaben übernehmen, können i.d.R. nicht mehr als drei bis vier Stunden pro Woche für ehrenamtliche Aktivitäten – damit ist nicht Kuchen backen und Schnittchen schmieren gemeint – leisten. Vorübergehende Projekte , die zeitweise Unterstützung durch Expertise, überschaubare Aufgaben, die Arbeit im Team oder im Tandem, bieten Frauen und jungen Menschen ein Umfeld, in dem sie sich wohl fühlen und engagieren können.

Eine Kultur des Miteinander

In der letzten Woche durfte ich bei der Gründung des Frauennetzwerkes Niedersachsen online teilnehmen und war positiv überrascht, dass gleich mehrere jüngere Frauen – u.a. auch neue Mitglieder – aufgetreten sind. Einige O-Töne aus diesem Meeting:

Eine junge Studierende, die über ein Förderprojekt zum Fahrradclub kam, bringt es auf den Punkt: für den Anfang braucht es „robuste Gemüter“, um junge Menschen anzuziehen. Und „Wegen der vorherrschenden Umgangs- und Gesprächskultur habe ich Hemmungen weitere junge Menschen einzuladen.“ Und: Wir wollen eine Kultur, in der alle gehört werden. Es gibt Positionen, die untergehen, weil Frauen leiser sind.“

Jung und alt. Laut oder leise. Vielfalt oder Einfalt. Diversität und Digitalisierung. Amt oder Aktivität? Wie offen sind wir für diesen Wandel.

Eine kürzere Version des Beitrags ist im Leezenkurier Nr. 134 erschienen.

 

 

 

 


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