Frauennetzwerke im Fahrradclub (Ein Bericht)

07.08.20
Kategorie: Seminar, Aktionen, Verkehrspolitik
















An einem Samstag, Ende Juni in der Corona-Zeit, trafen sich bei hochsommerlichen Temperaturen 27 Ehrenamtliche, um über das Thema „mehr (aktive) Frauen im ADFC“ zu diskutieren und sich auszutauschen. Verstreut im ganzen Land saßen sie vor ihren Bildschirmen im Arbeits- oder Wohnzimmer, in Küche oder Garten zusammen in einer WebEx-Konferenz. Der Erfahrungsaustausch zeigte einmal mehr, dass die Erlebnisse von Frauen – ob beim weiblichen Blick im Straßenverkehr und auf Mobilität oder beim Engagement vor Ort – sehr ähnlich sind. Ein Stimmungsbericht von Martina Kocik.

 

Johanna Drescher (Projektleiterin in der Bundesgeschäftsstelle) hatte schon Anfang des Jahres zu einem Präsenz-Meeting eingeladen; auf Grund der Corona-Beschränkungen wurde aus diesem Treffen leider nichts.

Um nicht noch mehr Zeit ins Land gehen zu lassen, kam die – inzwischen allseits verbreitete – Idee eines virtuellen Vernetzungstreffens auf, die von den Teilnehmenden positiv angenommen wurde. Für die fröhlichen Runde fand sich immerhin auch ein Mann – der Verbandsreferent Raphael Kießling, der gemeinsam mit Johanna Drescher auf sehr angenehme Art die Moderation übernahm.

Die üblichen Störungen – hier und da funktioniert ein Mikro nicht, es knistert und rauscht, oder die Bildübertragung ist nicht so prickelnd – gehören zu so einem Meeting dazu, wie das Klappern der Kaffeetassen oder das Summen der Handys bei einem Präsenzmeeting. Das sorgte für ein entspanntes Miteinander.

Doch Johannas Tagesordnung für diesen Nachmittag erforderte, trotz der lockeren Atmosphäre, auch eine gewisse Selbstdisziplin. Worum sollte es gehen?

  1. Vorstellung Abschlussbericht der Arbeitsgruppe „Mehr Frauen im ADFC
  2. Die einzelnen regionalen Frauennetzwerke wollten sich in dieser Runde näher kennenlernen.
  3. Anregungen für eine Ideenbörse sollten gesammelt werden und für alle einsehbar sein.

Maria Deingruber (Stellvertretende Vorsitzende ADFC München) und Swantje Michaelsen (Geschäftsstellenleitung ADFC Hannover), die Sprecherinnen der Arbeitsgruppe „Mehr Frauen im ADFC“, stellten den Abschlussbericht vor.

Maria und Swantje berichteten, dass der Anteil der weiblichen ADFC-Mitglieder bei 48 Prozent liege, aber Männer noch immer den Ton angeben, vor allem wenn es um Verkehrspolitik oder Sicherheitsaspekte geht. Dies verwundere indes nicht bei einem Blick auf die ehrenamtlich Aktiven:  Während sich 12 Prozent der Männer aktiv (in Gremien) einbringen, liegt der Anteil der aktiven Frauen nur bei 6 Prozent.

Um herauszufinden, was passieren muss, damit sich mehr Frauen als Aktive in diese Themen einbringen, wählte die Arbeitsgruppe einen sehr pragmatischen Ansatz.

Die Gruppe hatte sich damals folgende Frage gestellt: „Was muss passieren, damit die wenigen Frauen, die noch aktiv sind, endgültig ‚das Handtuch schmeißen “ –   also aus Frust aussteigen. Unter diesem Blickwinkel wurden sämtliche Aspekte betrachtet, die Frauen die Freude an der ehrenamtlichen (!) Arbeit im ADFC nimmt oder ihnen ein Engagement oder die Stimmung verdirbt. Aus diesem Perspektivwechsel war es schließlich eine einfache Übung, positive Anforderungen und Maßnahmen für den ADFC Bundesverband zu formulieren.

Bei den Maßnahmen geht es zum Beispiel um die Erfassung aller Mitglieder in der Mitgliederverwaltung. Denn viele weibliche Mitglieder sind Familienmitglieder, deren Mailadressen nicht separat erhoben werden. Aber nur so können die weiblichen Familienmitglieder gezielt direkt angesprochen und eingebunden werden. Auch das Thema „Kinderbetreuung“ bei Veranstaltungen wird offenkundig unterschätzt, hat aber unmittelbare Auswirkungen auf das Engagement von Frauen.

Bildungsmaßnahmen und spezielle Angebote für Frauen sollen dafür sorgen, dass Frauen in verschiedenen Themen mehr Sicherheit gewinnen. Stichwort: ADFC Akademie mit speziellen Angeboten (z.B. Verkehrspolitik für Frauen, Rhetorik, Zeitmanagement …)

Einstimmig bestätigten die Teilnehmerinnen, dass Männer sehr schnell bereit sind Aufgaben und Ämter zu übernehmen – auch wenn sie möglicherweise keine oder nur wenig Ahnung von dem jeweiligen Thema haben.

Frauen sind jedoch oft nur bereit, Aufgaben und Verantwortung zu übernehmen, wenn sie sich in einem Thema auskennen und den Eindruck haben, auch etwas beitragen zu können. In einer männerdominierten Runde sich zum Thema „Verkehrspolitik“ zu äußern? Das macht kaum einer Frau Spaß. Dies führt dazu, dass ein vielfältiger und damit umfassenderer Blick auf diese Themen fehlt – und es zwangsläufig „blinde Flecke“ in der Mobilitätspolitik gibt. Der Verband sollte realisieren, welche Potenziale hier verschenkt werden. Einige wenige Aktivistinnen stellen fest, dass sie sich teilweise mit „Rede-Regeln“ Gehör verschaffen müssen, wenn sie sich einbringen wollen.

Fühlen Frauen sich ernst genommen?

Die meisten Teilnehmerinnen bestätigten das. Aber auch hier wird schnell klar, dass die Erwartungen der übrigen Aktiven sehr hoch sind. Eine gewisse Findungsphase für Frauennetzwerke wird akzeptiert, aber dann wird erwartet, dass die Frauen auch endlich „anpacken“ und „Ergebnisse liefern“.

Swantje Michaelsen erlebt, dass die wenigen Frauen, die tatsächlich aktiv sind, derart mit Aufgaben überladen werden, bis sie gehen. Frauen sollen Probleme lösen, die im Verein seit 40 Jahren verschlafen wurden. Das funktioniert natürlich nicht und schreckt ab. Es geht generell nicht darum, Menschen im Ehrenamt zu überlasten, sondern um zusätzliche Perspektiven und Kapazitäten in der Aktivenarbeit.

Raphael Kießling (auch Ansprechpartner im Bundesverband für die geplante ADFC-Akademie) unternahm einen kurzen spannenden Ausflug in die sogenannte Engagementforschung:

  • Seit vielen Jahren gibt es zahlreiche ADFC-Gremien, doch nur wenige wissen überhaupt, wer da wann, was und warum etwas macht. (Zusatz: Und wie mensch in ein solches Gremium hineinkommt.)
  • Männer arbeiten vorrangig „gremienbezogen“ über lange Zeiträume und gerne auch „postenbezogen“. In der Gruppe der älteren Menschen fällt auf, dass sich fast ausschließlich Männer engagieren, die sich zudem mit einem hohen Stundenanteil einbringen (können) – und dies auch von den übrigen Engagierten erwarten.
  • Für Frauen – so haben wir an diesem Tag gelernt – sind solche Strukturen abschreckend. Bei einem geschätzten Anteil von drei Stunden täglicher sogenannter Reproduktionsarbeit – Männer leisten im Vergleich dazu nur eine Stunde – sehen Frauen sich oft nicht in der Lage, zusätzlich einen hohen Anteil an ehrenamtlicher Arbeit (!) zu leisten.
  • Jede Art (und jeder Umfang) des Engagements sind für den Verband hilfreich und wertvoll. Daraus folgt: der ADFC muss eine Kultur schaffen, die es Menschen ermöglicht, auch vorübergehend oder für kurze Zeit eine Aufgabe mit einem überschaubaren Aufwand zu übernehmen.

Swantje Michaelsen hat hierzu noch eine ergänzende Lektüreempfehlung; das Buch Unsichtbare Frauen der Journalistin, Feministin und Aktivistin Caroline Criado-Perez. Die Autorin plädiert für einen Systemwandel und zeigt, dass Frauen dann nicht vergessen werden, wenn sie in Forschung oder Politik, in Unternehmen und nicht zuletzt im Fahrradclub vertreten – und damit sichtbar – sind.

Nach einem regen Austausch zu Herausforderungen und Erwartungen, denen sich Frauen (im Fahrradclub) gegenüber sehen, stellten sich die einzelnen lokalen Frauennetzwerke vor.

2. Vorstellung der ADFC-Frauennetzwerke

Nordrhein-Westfalen

Kerstin Lemmen (Aktiven-Koordinatorin, ADFC NRW) wies stolz darauf hin, dass das erste ADFC-Frauennetzwerk in NRW gegründet wurde. Es besteht seit 2017 und umfasst aktuell 56 Mitglieder. Initiatorin und Motor war Isabelle Klarenaar (Geschäftsführerin, ADFC Landesverband NRW).

Neben zahlreichen Treffen während des jährlich stattfindenden NRW Forums hat das Frauennetzwerk bereits erste Erfolge vorzuweisen (Geschlechterparität im Landesvorstand, AG "Mehr Frauen im ADFC" gegründet). Ein Grundsatzpapier „Vielfalt im ADFC NRW“ von Martina Kocik, Beisitzerin im NRW-Landesvorstand, wurde auf der Landesversammlung 2019 in Essen beschlossen. Während der Foren gibt es Workshops zum Thema Diversity und zur Bildsprache im ADFC; unter diesem Blickwinkel wurde auch die Fotoauswahl und die Autor*innenschaft in Mitgliedermagazinen untersucht. (Mit wenig überraschenden Ergebnissen.)

Weitere Ziele: allgemeiner Austausch, Vernetzung, Potentiale entwickeln, Frauen in Vorständen stärken, weibliche Aktive z.B. für Presseauftritte oder Diskussionspodien.

Berlin

Carolina Mazza (Landesgeschäftsstelle ADFC Berlin, Öffentlichkeitsarbeit) berichtete, dass das Frauennetzwerk Berlin von Lara Eckstein gegründet wurde. In den einzelnen Stadtteilgruppen dominieren Männer. Carolina bestätigte ebenfalls, dass die Diskussionen der Frauen im geschützten Raum sehr wichtig sind. In Berlin hat es bereits etliche Veranstaltungen gegeben, die in diese Richtung gehen und die auf die Expertise von Frauen angewiesen sind. Eine Podiumsdiskussionen Stadt für Alle (hier dokumentiert auf: YouTube), kleinere Diskussionen (Velo Berlin). Weitere Angebote: Frauen-Fahrradschule, Radtouren für Frauen und Workshops. Auch Argumentationstrainings werden angeboten.

Bremen

Bonnie Fenton (Vorsitzende des ADFC Bremen) berichtete, dass das Frauennetzwerk des kleinen Landesverbandes bei einem ersten Meeting im Oktober 2019 direkt zehn Interessierte ansprach. Der Erfahrungsaustausch zeigt, dass die Erlebnisse von Frauen – ob mit dem weiblichen Blick im Straßenverkehr oder beim Engagement vor Ort – sehr ähnlich sind. Die Diskussionen stärken das Selbstbewusstsein der Frauen und sind wichtig. Bonnie legte Wert darauf, dass Frauen nicht auf Klischees reduziert würden.

Bayern

Der Anstoß für das Frauennetzwerk in Bayern kam von Bernadette Felsch, damals noch aus ihrer Funktion im Bundesvorstand. Bei der Gründung dieses Netzwerkes Januar 2019 in Nürnberg war auch Martina Kocik aus NRW dabei und hatte Maria Deingruber (Stellvertretende Vorsitzende ADFC München) sowie die Teilnehmenden des Frauennetzwerkes persönlich kennen gelernt. Über das Netzwerk fühlen sich Frauen im Alter von 20 bis 80 Jahren angesprochen, viele davon waren vorher gar nicht aktiv.

Maria plant ein weiteres Treffen des Frauennetzwerkes im September in Ingolstadt. Ihr ist wichtig, dass dann auch endlich gemeinsam Fahrrad gefahren wird. Auf Anregung von Bernadette soll es im Anschluss an die Tagung einen Impulsvortrag zu dem Themenbereich „Rhetorik und Selbstpräsentation“ geben.

Hessen

Auch der ADFC Hessen möchte insbesondere das Engagement und die Vernetzung von Frauen in unserem Landesverband mit seinen Gliederungen fördern.

3. Gute Beispiele sammeln

Im internen (passwortgeschützten) Aktivenbereich gibt es die Rubrik „Frauen im ADFC – Arbeitshilfen, Best Practice-Beispiele, Vorlagen“ Es werden gute Anregungen aus einzelnen Gliederungen gesammelt, die nachgemacht und auf die eigenen Bedürfnisse angepasst werden können. Dieser Bereich wird fortlaufend ergänzt. Jede*r kann mitmachen und eigene Aktionen oder Veranstaltungen eintragen.

Wer bereits eigene Maßnahmen umgesetzt oder gute Idee hat, sollte das weiter sagen. In wenigen Minuten kann das „Gute Beispiele“-Formular im internen Bereich ausgefüllt werden.

https://login.adfc.de/metanavigation/aktive/verbandsentwicklung/adfc-2025-gute-beispiele?sub-pageid=0

Interessant auch: zahlreiche Literaturtipps, ein Positionspapier „Radverkehrsplanung und Geschlecht“, das die Haltung des ADFC verdeutlicht sowie ein (Muster)Vortrag von Sabine Kluth, ADFC Braunschweig mit dem Thema "Radverkehr für Alle - GenderPlaning".
 
Neu im Aktivenbereich ist eine Anleitung „Weibliche Mitglieder anschreiben“. Die Anleitung erklärt, wie  die Adressen in der WebApp ausgewählt werden können.
 
Und schließlich: Inspirationen zu Frauen und Fahrrad. Die Link- und Literatursammlung rund um Frauen am Lenker informiert über Fahrrad-Pionierinnen, das Rad als Motor der Emanzipation, Fahrradmarken nur für Frauen, Communities, Aktivistinnen, Blogs und sportliche Fahrrad-Frauen. (zusammengestellt vom ADFC Bayern).
 
Link zum internen Bereich: https://login.adfc.de/metanavigation/aktive/vielfalt/frauen-im-adfc
 
(Übrigens: Auch die Illustrationen in diesem Bericht können dort heruntergeladen werden.)
 

Fazit: Wie können wir alle dazu beitragen, dass der ADFC vielfältiger wird.

In einer Reihe von Kreisverbänden werden bereits wunderbare Aktionen durchgeführt, die dazu beitragen, dass Frauen sich zunehmend gemeint und angesprochen fühlen. Und sich engagieren! Viele der Themen, die im Zusammenhang mit „Mehr aktive Frauen im ADFC“ adressiert werden, betreffen jedoch nicht nur Frauen. Hiervon  profitieren auch andere Gruppen, die sich vom ADFC noch nicht angesprochen fühlen. Diversität, Vielfalt und Inklusion sind nicht nur Frauenthemen.

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Frauennetzwerke im Fahrradclub (Ein Bericht von Martina Kocik als PDF zum Download)

Martina Kocik, ADFC Münsterland, ist Beisitzerin im Landesvorstand des ADFC NRW

Illustrationen © ADFC


© 2021 ADFC Kreisverband Münsterland e. V.