Reaktionen zum „Flyover Aegidiitor“: Luftschloss, GUSTAV oder „Klotz auf dem Teller“ (3/3)

27.03.20
Kategorie: Mobilität, Verkehrsplanung, Verkehrspolitik

Leuchttürme für Fahrräder. (Screenshot ADFC Münsterland)



Projektion: Der Hovenring aus Eindhoven schwebt über dem Kreisel. (Illustration aus der Austellung "Alles auf Leeze", 2019)



Leuchtturm-Perspektive: Welche Wegebeziehungen bedient der Flyover am Aegidiitor? (Illustration: ADFC Münsterland)



Windschutzscheiben-Perspektive: Der Flyover am Aasee - südliche Blickrichtung (Illustration: Stadt Münster)



Aktuelle Website "Aktive Liste" (Münster) – noch ohne Flyover. (Screenshot: ADFC Münsterland)



Eine Art Masterplan für den Radverkehr (Stadt Münster, 1948)



Münsters Innenstadt: Mosaik für Mobilität (Exponat im Stadthaus 3, Bild: Andreas K. Bittner)



Fahrradfahrer Weber ist begeistert (Screenshot: ADFC Münsterland)


Seit nunmehr drei Wochen schwebt das Thema „Flyover Aegidiitor“ über Münster. Nach ersten heftigen Reaktionen ist es still um den Überflieger geworden. In Zeiten von Corona und COVID-19 mehr als verständlich. Der Rat und seine Ausschüsse werden sich frühestens im Mai dieses Jahres wieder mit dem Förderprojekt befassen. Bis sammeln wir ein paar Reaktionen.

 

Hintergrund

Per Pressemitteilung machte die Stadt Münster am 4. März 2020 auf ein „ein innovatives Statement für den Radverkehr“ aufmerksam. In zwei umfangreicheren Beiträgen haben wir uns bemüht, die luftige Idee eines „Flyover Aegidiitor“ vorläufig einzuordnen (Teil 1 und Teil 2) und seine Relevanz für den Alltagsradverkehr zu bewerten. Ein Balanceakt: denn der ADFC Münsterland sieht das positive Signal, die Wertschätzung für den Radverkehr – ­fragt sich zugleich, warum die Situation im „Verkehrsraum Aegidiitor“ nicht ganzheitlich und fakten-basiert in den Blick genommen wurde. Warum relevante Wegebeziehungen – genauso wie die Interessen von Fußgängerïnnen – nicht berücksichtigt sind. Und vor allem: warum ernsthafte und zukunftstaugliche Betrachtung der verkehrlichen Zusammenhänge zwischen Innenstadt, Naherholungsgebiet (Aaseepark) oder Universität nicht die Herabstufung der Bundesstraße B54 miteinbezieht, wobei offenkundig die Aspekte Verkehrsvermeidung, Entschleunigung, Reduzierung und Einschränkung des Kfz-Verkehrs überhaupt nicht gedacht werden.

Der zugehörige Antrag mit der langen Überschrift: Flyover Aegidiitor: Radverkehrsbrücke zwischen Promenade und Bismarckallee – Förderantragsverfahren für das Programm „Förderung innovativer Projekte zur Verbesserung des Radverkehrs in Deutschland" (V/0156/2020) sollte ab dem 10.03.2020, also vor den Allgemeinverfügungen (PDF) und der Absage von Gremiensitzungen, in die Beratungs- und Beschlusskette gehen. Die Bezirksvertretung (BV) Mitte nahm die Vorlage schlicht von der Tagesordnung.

Herr Hülsmann beantragte die Vorlage von der Tagesordnung abzusetzen, da noch Beratungsbedarf bestehe. Dazu gab es keinen Widerspruch. (Zitat aus der Niederschrift der BV-Sitzung)

Die Sitzungen im Planungsausschuss (19.03.) sowie im Haupt- und Finanzausschuss und im Rat (25.03.) wurden abgesagt. Die Gremien werden sich frühestens Anfang Mai mit dem Vorschlag befassen.

CDU begeistert von neuer Radfahrbrücke am Aasee

Die CDU-Fraktion im Rat der Stadt Münster scheint einen Informationsvorsprung gehabt zu haben bzw. konnte die überraschende Neuigkeit besonders schnell einordnen. Bereits am 5. März äußerte sich Fraktionschef Weber in einer Pressemitteilung:

Die Pläne für eine Radfahrbrücke an der Promenade am Aasee („Flyover Aegidiitor“) finden große Unterstützung beim CDU-Fraktionschef Stefan Weber. „Das ist eine echte Stärkung des innerstädtischen Verkehrs und der Sicherheit. Hier queren 30.000 Radfahrer täglich die vierspurige Bundesstraße“, so Weber in einer Pressemitteilung der CDU-Ratsfraktion vom 5.03.2020.

Möglicherweise hat Weber schon die Reduzierung auf vier Fahrspuren – aktuell noch sieben –  mitgedacht? Das Bauwerk muss sich laut Weber „als architektonisches Meisterwerk in die grüne Stadtlandschaft einpassen und nicht wie ein Klotz auf dem Teller wirken“.

Die Westfälischen Nachrichten dokumentieren erste Reaktionen (7.03.2020, kostenpflichtiger Inhalt)

 „Das ist ein weiterer Baustein für Münster als Fahrradmetropole.“
-- Walter von Göwels, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Ratsfraktion

Weitere Stimmen aus Münsters Politik

Soweit wir das beobachtet haben, gibt es noch keine belastbaren, öffentlichen Äußerungen von Bündnis90/Die Grünen, SPD oder FDP in Münster.

Die ÖDP sieht beim Flyover ein „Ablenkungsmanöver“ und glaubt, dass Restriktionen für den Autoverkehr am Aegidiitor verhindert werden sollen. Die neu gegründete Aktive Liste, die sich mit einem – eher abstrakt gehaltenen – verkehrspolitischen Programm für die nächsten Kommunalwahlen aufstellt, positioniert sich ähnlich: „Das ist eine Ablenkungsmaßnahme, die vertuschen soll, was in der Stadtplanung jahrelang verschlafen wurde.“ Und: "Projekte wie die geplante Radverkehrsbrücke  "Flyover Aegidiitor" passten dort nicht rein". (WN 13.03.2020).Auch Die Linke äußert sich klar: „ … ein Vorschlag aus der Verkehrspolitik des vergangenen Jahrhunderts (…) Hinter einem solchen Vorschlag steht die Haltung, den lauten, klimaschädlichen und ineffizienten motorisierten Individualverkehr nicht einschränken zu wollen.“

Anwohnerin am Kanonengraben (Einwohnerfrage, gedacht für die Ratssitzung am 25.02.2020)

Münster galt mal als „Lebenswerteste Stadt“. Vor allem aus Gründen des Umwelt- und Artenschutzes und der Lebensqualität, stelle ich die folgende Einwohnerfrage, im Rahmen der Einwohnerfragestunde, an die Ratssitzung, welche am 25.03.2020 über das oben genannte Thema stattfindet:

Erklärung zur Frage: Die zahlreichen, alten und großen Bäume und Sträucher, direkt am Kanonengraben, auf der Promenade angrenzend zum Kanonengraben und um den „Giraffenspielplatz“ herum, haben sowohl einen hohen Wert für die Menschen, welche den Kanonengrabe als Naherholungsort nutzen. Genauso wertvoll sind sie als Lärmschutz vor Straßenlärm, als Luftreiniger und für die Frischlufterzeugung im Stadtkern, als Schattenspender (Stichpunkt Klimaerhitzung) und als Lebensraum für zahlreiche Arten. Am Kanonengraben beobachten wir Fledermäuse, Eisvogel, Fischreiher, Blaumeisen, Kohlmeisen, Dohlen, Rotkehlchen, Eichhörnchen, Möwen, Baumläufer, Kleiber, Amseln, Eichelhäher, Elstern, Kaninchen, Blässhühner, Rallen, Schildkröten, Menschen und zahlreiche Insekten.  Besonders die Linden sind für die Bienen wichtige Futterpflanzen. Dazu sind die Bäume ja selbst Lebewesen, die wir ehren und respektieren sollten und uns viel Kraft geben. Die „Münster bekennt Farbe- Wiese“ dagegen liegt, bis auf die künstlich angelegten Blumen, meist brach (Rasenmonokultur auf maximal 5 cm Wuchshöhe gehalten). Diese Wiese ist wesentlich artenärmer und weniger frequent genutzt. Für viele Anwohner macht es daher mehr Sinn das „Flyover Aegidiitor“ dort hinzu bauen und nicht am Kanonengraben und über den Spielplatz. Es gibt intelligentere Lösungen.

Frage: Sehr geehrter Oberbürgermeister Lewe, sehr geehrte Ratsmitglieder, können Sie bitte den Entwurf für das „Flyover Aegiditor“ so ändern (Mitsprache der Bewohner erwünscht), dass die zahlreichen und wertvollen Lebewesen vor Ort (vor allem die alten und großen Bäume) geschützt und erhalten bleiben und Lebensqualität am Kanonengraben erhalten bleibt?

Hinweis: Ich habe auch schon zwei Gegenentwürfe gemacht. Falls sie gebraucht werden, stelle ich sie Ihnen gerne kostenlos zur Verfügung.

WN-Leserbrief: „Das Politiker-Räppelchen ist ‚Gustav‘ "

Patrik Werner, VCD Münsterland
(Der Leserbrief erschien – gekürzt – am 18.03.2020 in den Westfälischen Nachrichten)

"Ein Flyover für den Radverkehr zwischen Promenade und Bismarckallee. Die einen sagen Leuchtturm, die anderen Luftschloss. Der Volksmund sagt: Politiker-Räppelchen, und meint damit ein Spielzeug, das beschäftigt und ruhigstellt.

In diese Kategorie gehört der "Flyover". Niemand behauptet, die Verwaltung sei das Weltzentrum der Kreativität. Aber wenn die Verwaltung kreativ wird, dann wird es kompliziert und teuer. Was soll's? Es gibt doch reichlich Landesknete (Steuermittel) für die Realisierung. Der Volksmund sagt auch: Geld macht dumm. Soll heißen: Wenn die Fördermillionen winken, dann setzt der Verstand aus - das Nachdenken über die Relation von Kosten und Nutzen und Schaden:

Der preisgekrönte Landschaftspark Aasee wird durch die langgezogene Rampe zum Unguten verändert. Gleiches gilt für die gegenüber liegende Seite, die baumbestandene Schanze an der  Promenade. Rampe heißt auch Steigung, das Gegenteil von Leichtigkeit für den Radverkehr. Dabei gibt es eine ebenerdige Lösung an dieser Stelle, eine Traverse, die ohne Steigung auskommt und die Promenade aus beiden Richtungen besser anschließt. Nur ist diese Lösung nicht so prestige- und designduselig wie der "Flyover". Geben wir ihm doch den Namen GUSTAV, das Kürzel für groß und sehr teuer, aber verpeilt."

WN-Leserbrief: "Fahrradinfrastruktur ist mangelhaft"

von Martin Kamps, Mitglied der Fachgruppe Radverkehr im ADFC Münsterland
(Der Leserbrief erschien – gekürzt – am 25.03.2020 in den Westfälischen Nachrichten)

"Von 2014 bis 2016 arbeitete in Münster unter breiter Beteiligung von Vereinen, Verbänden, Politik und Verwaltung der „Runde Tisch Radverkehr“ (RTR). In einer zielbestimmenden Abstimmung votierte eine breite Mehrheit dafür, den Bestand (der Infrastruktur) „zukunftsgerecht auszubauen“, gefolgt von „visionäre Projekte anstoßen“. Die Optionen „Bestand erhalten“ und „Bestand bedarfsgerecht ausbauen“ fanden dagegen keine Zustimmung. Zum Abschluss des RTR sagte die Verwaltung zu, dass weiterhin ein bis zwei Treffen pro Jahr stattfinden werden und der RTR auf der Ebene der Strategie und des Maßnahmenprogramms einbezogen werde. Aus der Teilnehmerrunde kam der Wunsch, dass dies auch bei „besonderen Vorhaben“ gelten solle.

Was ist seitdem geschehen?

  • Münster ist im Fahrradklimatest in Note und Rang abgerutscht.
  • Die Fahrradinfrastruktur ist weiterhin mangelhaft bis ungenügend, was Breiten der Radwege, Zustand der Oberflächen und Abstellmöglichkeiten angeht; an vielen Orten ist nicht einmal ein „Erhalten des Bestands“ erkennbar.
  • Die Unfallzahlen sind weiterhin hoch; die Ursachen liegen entgegen einer gern gepflegten Legende nicht primär im Verhalten der Radfahrenden.
  • Veloroutenplanungen werden vorgelegt, die dem Ratsbeschluss, den Alltagsradverkehr in der Stadtregion durch direkte und komfortable Wege aus den Umlandgemeinden zu fördern nicht entsprechen, sondern allenfalls die Verbindung zwischen Vororten und Innenstadt etwas verbessern. Die im Kreis Warendorf gefundene Erkenntnis „Wenn ich täglich mit dem Fahrrad von A nach B fahren möchte brauche ich eine kurze Strecke und nicht Wege über 50 Ecken“ ist in Münster noch nicht angekommen.
  • Eine Antwort der Verwaltung auf eine offizielle Anfrage den RTR wieder einzuberufen steht seit einem Jahr aus.
  • In diese Situation platzt die Nachricht von einem Leuchtturmprojekt „Flyover Aegidiitor“. Eine Ausgabe von € 10 Mio. ruft die Frage nach Begründung des Projektes und begründet erwartbaren Effekten hervor.

Begründet wird das Projekt mit der Möglichkeit der Modellförderung, der Menge des Radverkehrs, der Unfallhäufung am Aegidiitor, der Erreichbarkeit der Innenstadt und der Veloroute Münster-Senden.

Für einen begründeten Entscheid des Rates sind zweifelsohne folgende Erkenntnisse von zentraler Bedeutung:

  • wo ereignen sich im „Untersuchungsraum Aegidiitor“ welche Unfälle warum und welche Auswirkung wird das Projekt auf das Unfallgeschehen haben?
  • wieviel Radverkehr spielt sich auf welcher der 13 Wegebeziehungen ab und wieviel davon betrifft diese eine Verbindung Promenade-Bismarckallee? Insbesondere: wie viele fahren von der Bismarckallee über die Promenade in die Innenstadt und wie viele über die Aegidiistraße? Wäre eine preiswertere plangleiche Kreuzungslösung mit der Aegidiistraße als Fahrradstraße zielführender („Variantenuntersuchung“)? Und: wie viele fahren bis nach Senden und wie viele wollen „nur“ bis zur Mensa?
  • welche Effekte würde der Einsatz von € 10 Mio. auf Zügigkeit und Sicherheit des Radverkehrs an anderen Stellen oder mit anderen Mitteln erzielen?

Die überraschte Stadtgesellschaft wird zu diesem „besonderen Vorhaben“ sicherlich einen interessanten Diskurs führen." 

Michael vom VCD Münsterland schrieb uns (am 17.03.2020):

„… wenn überhaupt eine Brücke, dann müsste sie „von Höhe zu Höhe“ führen, also von Ende der Schanze (wo auch die Planung der Stadt andockt) diagonal über die Kreuzung Stadtgraben/Aegidiistraße/Adenaueralle führen. Dann würde sie den Verkehr aufnehmen, der auf der Promenade verbleibt - und würde für die Radfahrenden den Abstieg zur Aegidiistraßen- und Stadtgraben-Überquerung mit dem anschließenden Wiederanstieg auf die Promenade ersparen (also sozusagen eine Führung auf der Ebene +1 für Radfahrende und Fußgänger*innen). Dann wäre der Flyover ein Beitrag zur Bevorrechtigung des Radverkehrs auf der Promenade.

Doch das löst gar nicht die Problematik des Radverkehrs, der aus der Stadt kommt und rechts oder links vom Aasee und stände nicht in Netzzusammenhang mit der Fahrradstraße Aegidiistraße. Daher bin ich auch dafür, bei einer ebenerdigen Kreuzung der Verkehrswege zu bleiben – die ich mir an dieser Stelle bisher nicht ohne Ampelsteuerung vorstellen kann.“

Weitere Stimmen: "Überdimensioniert, Schwachsinn, April-Scherz"

Ein erstes Fazit: Die Aufregung um den „Flyover Aegidiitor“ hat sich im Schatten der Corona-Krise schnell gelegt. Uns ist es schwer gefallen, eindeutig positive Reaktionen auszumachen. Der tenor in der Öffentlichkeit:

  • Brücke hinauf ist bei Radfahrenden nicht beliebt, außer man hat ein E-Bike.
  • Ganzheitliches Verkehrskonzept fehlt.Nice to have, aber nicht notwendig.
  • Nicht durchdacht, wie schon die Brücke in Kinderhaus über die Brüningheide.
  • Überdimensioniert und passt nicht in die Landschaft.

 „Eine Brücke habe ich dort noch nie vermisst“, sagt Stefan Rethfeld, Architekt und Mit-Initiator des Münster-Modell, gleichzeitig sieht er einen Denkanstoß für einen kreativen Radwegebau.

„Gucken, was künftig finanziell noch geht“ (Kämmerin Zeller)

Ein Nachgedanke. Die Westfälischen Nachrichten vom 27.03.2020 drucken ein „Erste-100-Tage-Interview“ mit Münsters Kämmerin Christine Zeller ab (hier, kostenpflichtig), bei dem es im Kern um die Folgen der Corona-Krise für den Kommunalhaushalt geht. Die Themen Verkehrswende und Mobilität werden nicht erwähnt, das Preußenstadion schon. Erkennbar ist, dass Zeller den Haushalt bzw. die Investitionsplanung schon vor der Krise für ambitioniert hielt: „Ganz schnell, ganz viel und immer draufgesattelt – das ist auch in einer wachsenden, prosperierenden Stadt nicht lebenswirklich.“

Möglicherweise ist der „Flyover Aegidiitor“ schon bald Stadtgeschichte?

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Der "Flyover Aegidiitor" ist aus unserer Sicht ein Lackmustest, wie vorausschauende, vernetzte und enkeltaugliche Nahmobilität in Münster geplant, gedacht und diskutiert wird. Weshalb wir uns intensiver mit diesem "Leuchtturmprojekt" befasst haben.

 

 


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