Flyover Aegidiitor: „Skulpturprojekte 2022“- oder Chance für den Radverkehr?

10.05.21
Kategorie: Aktionen, Aktuelles, Kreisverbände, Münster, Presse, Rad in den Medien, Verkehr

Grafik zum Flyover - Stadt Münster



Demonstration gegen den Flyover am 18.05.2021 am Ägidiitor. Bilder Peter Wolter






Es wird mit erheblichen Mitteln eine Kreuzungsfreie Verbindung der Fahrradstraße Bismarckallee zur Innenstadt als „krönender Abschluss“ der Veloroute Senden-Münster geschaffen (Flyover). Eine Chance für den Radverkehr? Ein Leuchtturmprojekt mit Strahlkraft weit über die Stadt Münster und das Münsterland hinaus?

Mit neuen Fördermitteln und neuer Machbarkeitsstudie geht ein altes Projekt wieder an den Start: Die Fahrradüberführung über die ehemalige Bundesstraße 219, einer dereinst wichtigen Fernverbindung zwischen Tecklenburger Land und Münster, die an dieser Stelle immer noch mit bis zu 7(!) Fahrspuren mitten durch die Stadt führt.

Eine Autobahn mit bis zu sieben Fahrspuren durch Münster

Aber genau hier liegt das Problem bei vielen alten Projekten: Die Voraussetzungen ändern sich. Die B219 wurde mittlerweile verlegt und die Weseler Straße ist längst zur Gemeindestraße herabgestuft. Jetzt wäre es an der Zeit den Verkehrsraum Menschen-gerecht umzugestalten: Die Straße von einer für den motorisierten Fernverkehr optimierten Bundesstraße aus der Zeit der „autogerechten Stadt“ in eine nachhaltige und funktionelle Stadtstraße des 21. Jahrhunderts zu überführen.

Die 5 bis 7 Fahrspuren, sind obsolet geworden, Münster braucht Verkehrsverbindungen, die auf die Bedürfnisse seiner Bürgerïnnen und nicht die des Kraftverkehrs zugeschnitten sind: Ausreichende Fußwege; Busspuren für einen funktionierenden öffentlichen Nahverkehr und Fahrradspuren für einen sicheren individuellen Verkehr im Umweltverbund.

Stattdessen soll der Radverkehr in die „dritte Dimension“ verlegt werden, was den Status Quo der herabgestuften Weseler Straße als 5 bis 7 – spurige „Kraftverkehrs-Bahn“ mit den Dimensionen einer Bundesfernstraße über Jahre erhält.

Der ADFC hat eine einfache Forderung an gute Radverkehrsplanung: Sie muss sicheren, zügigen und komfortablen Radverkehr ermöglichen. Sicher, zügig und komfortabel, das ist die Messlatte der Verkehrsplanung; das sind die drei Evaluationskriterien eines jeden Projekts für den Radverkehr.

Und hier steckt der Teufel im Detail:

1. Sicher

  • Die Führung des Flyover lässt die beiden Unfallschwerpunkte außer Acht: die Querung Promenade / Aegidiistraße und den Unfallknoten Weseler Straße / Aegidiistraße / Adenauerallee sowie die gerade zu „Mensazeiten“ problematische Überquerung der Weseler Straße im Bereich der Bismarckallee. Diese Unfallschwerpunkte wurden schon in der Verkehrssicherheits-Analyse der Unfallforscher der Versicherer (GVD) von 2008) genannt.1

  • Eine „Entschärfung Unfallschwerpunkt Aegidiistraße“ ist nicht möglich, da die Promenade dort weiter die Aegidiistraße kreuzt.

  • Die erste Machbarkeitsstudie vom 26.11.2020 kommt zur selben Einschätzung, es bleibt zu klären, warum die zweite Machbarkeitsstudie konträre Schlussfolgerungen („Entschärfung Unfallschwerpunkt Aegidiistraße“) zieht, obgleich der Flyover diesen Bereich gar nicht abdeckt.

  • Eine Umgestaltung der Weseler Straße könnte diese Sicherheitsprobleme lösen. zugleich könnten endlich viele problematische unfallträchtige Stellen der Radverkehrsführung entlang der Weseler zwischen Geiststraße und Schlossplatz lösen.

  • Diese sind ebenfalls bereits im Unfallbericht der GVD genannt und mussten bis heute bei der Verkehrsplanung weitgehend unberücksichtigt bleiben, da man auf die überregionale Bedeutung der Bundesstraße B219 für den Kraftverkehr nicht verzichten wollte.

  • Dieser Konflikt zwischen Verkehrssicherheit und überregionalen Kraftverkehrs- Kapazität besteht seit der Umtrassierung der Bundesstraße und Herabstufung der Weseler Straße zur Gemeindestraße in dieser Form nicht mehr.

  • Die Anbindung des Flyovers an die Bismarckallee soll im Bereich der Mensa an der stark von Fußgängerïnnen frequentierten Verbindung zum Modersohnweg („Aaseepromenade“) erfolgen. Dort würde der Flyover hochfrequent vom Fußverkehr gequert -und das am Ende eines 3%igen Gefälles. Einen Radschnellweg durch die stark frequentierte Fußverbindung zwischen Aasee und Mensa hineinzuplanen ist unvereinbar mit der Sicherheit von Rad- und Fußverkehr.

  • Diese problematische Anbindung bleibt in der Machbarkeitsstudie unberücksichtigt, eine Detailplanung ist nicht erfolgt.

Fazit: Der „Flyover Aegidiitor“ erhöht nicht die Sicherheit des Radverkehrs im Knotenbereich Promenade / Aegidiistraße / Weseler Straße. Er schafft neue Verkehrskonflikte zwischen Rad- und Fußverkehr im Bereich Bismarckallee / Modersohnweg.

 

2. Zügig:

  • Der Flyover bedient weder die Haupt- Verkehrsbeziehung Promenade / Adenauerallee noch den Radverkehr in und aus der Aegidiistraße, noch den Radverkehr von der Weseler Straße (im weiteren Verlauf „Am Stadtgraben“).

  • Der Flyover bietet einen guten Überblick über den Aasee und ist damit für Besucher des „innerstädtischen Erholungsgebiets Aasee“ besonders attraktiv. Obgleich als reiner Radweg geplant wäre der Flyover für Erholungssuchende außerordentlich attraktiv. Es ist mit hohem Freizeitverkehr durch zu Fuß Gehende zu rechnen.

  • Der Flyover beginnt mit einer 3%igen Steigung an der Bismarckallee mit mutmaßlich hohem Fußverkehr (Mensa, Übergang zum Aasee) und zwingt Radfahrerïnnen zu einer langsamen, durch viele Ausweichmanöver charakterisierte Fahrweise, die den Anforderungen einer Velorute („Sicher, zügig und komfortabel“) nicht gerecht wird.

Fazit: In Bezug auf die Fahrzeiten generiert der „Flyover Aegidiitor“ keinen Nutzen für den Radverkehr.

 

3. Komfortabel:

  • Der Flyover ist mit einer Breite von 5 m –Abzüglich Geländer- geplant. Die nutzbare Breite wird maximal 4,50 m betragen. Zur Veranschaulichung: das entspricht in etwa der Breite der Promenaden- Unterführung Mauritztor vor der Verbreiterung auf 5,00 m. Zudem wird die Promenade noch von einem 2,60m breiten Fußweg begleitet. Dieser „lichte Raum“ fehlt dem Flyover.

  • Ein „Aussichtspunkt“ für Flaneure“ lässt keinen komfortablen Radverkehr zu.

  • Die Steigung zu Beginn ist dem Komfort ebenfalls abträglich.

  • Die Verdopplung des Radverkehrs im Bereich des Flyover ist aufgrund seiner Unzulänglichkeiten zumindest zweifelhaft; zumal in allen anderen Verkehrsbeziehungen eine Stagnation des Radverkehrs prognostiziert wird.

  • Eine Verdopplung des Radverkehrs auf der Veloroute Münster-Senden wäre denkbar, wenn auch andere Haupt-Radverkehrsbeziehungen im Bereich des Flyover (z.B. Aegidiistraße / Weseler Straße; Bismarckallee / Am Stadtgraben oder Bismarckallee / Aegidiistraße) fahrradfreundlich umgestaltet würden.

Fazit: Durch den „Flyover Aegidiitor“ wird keine komfortabel zu befahrende Radverkehrsverbindung geschaffen. Die als Grundlage für die Empfehlung für den Bau des Flyover (2. Machbarkeitsstudie) genannte Verdopplung des Radverkehrs kann nicht durch den Flyover allein, sondern nur durch begleitende Maßnahmen erreicht werden.

 

 Fazit: Der ADFC hält den Flyover Aegidiitor für keine sinnvolle Radverkehrsförderung!

Als landschaftliche Skulptur mit hohem Freizeitwert oder ein Marketing-Projekt mag das Flyover Projekt funktionieren, für den Alltagsradverkehr hingegen wird es kaum Vorteile bringen.

Damit ein solches Projekt – auch angesichts des vom Rat beschlossenen Klimanotstandes – einen Vorteil für die Stadtgesellschaft generiert, muss es zwingend einhergehen mit klarer Reduktion des motorisierten Verkehrs auf der heruntergestuften Weseler Straße. Dies braucht Spurreduktion und Umstellung der Lichtsignalanlagen zugunsten von Radverkehr, Fußgängern und öffentlichem Personennahverkehr. Eine reine Erweiterung in die dritte Dimension zur Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Knotenpunktes passt angesichts von Klimaumbruch und ökologischer Krise nicht mehr in die Zeit.

 

Gefordert wird eine menschen-/ nicht autogerechte Stadt

Der ADFC fordert daher einen wesentlichen Umbau der Weseler Straße, um diesem Projekt zum Erfolg zu verhelfen. Wir fordern, nicht nur eine verkehrstechnisch und ökologisch fragwürdige „Fahrradbrücke“ über eine „KFZ-Schneise“ zu bauen, sondern ein Leuchtturmprojekt eines Menschen- und Umwelt- gerecht umgestalten Verkehrsraums zu realisieren – zum Nutzen der Stadtgemeinschaft. Ein derartiges Leuchtturmprojekt hätte tatsächlich Strahlkraft weit über die Stadt Münster und das Münsterland hinaus.

1 udv.de/de/strasse/stadtstrasse/radverkehr/verkehrssicherheit-muenster

Kommentar zur Debatte:

Nicht „Auto-Hasser“, sondern Fahrrad-freundlich

 

In der Diskussion zum Flyover geht es emotional hoch her. Sachargumente werden in den Hintergrund gerückt. Freundinnen und Freunde des Fahrrades und eines Menschen verträglichen Stadtverkehrs werden in die Nähe von „Auto-Hassern“ gerückt. Der ADFC Münster distanziert sich deutlich von solch einem Vorwurf. Der ADFC tritt statt für den Bau einer Radverkehrsbrücke für den Rückbau der siebenspurigen Straße am Aegidiitor ein. Die überdimensionierte Asphaltfläche bietet viel Platz für eine niveaugleiche Querung. Eine fuß- und radverkehrsfreundliche Umgestaltung würde eine ideale Verbindung zwischen Promenade und Aasee und damit einen deutlichen Mehrwert für die Stadt schaffen. Die klimapolitische Notwendigkeit einer Umverteilung von Verkehrsflächen, die zwangsläufig zu Lasten des Autos geht, findet mittlerweile breite Anerkennung und hat nichts mit Lagerdenken oder „Autohass“ zu tun. Wir gehen davon aus, dass die Mehrheit der Menschen diese Chance erkannt hat und sich dies auch in der Mehrheit im Rat der Stadt widerspiegelt.


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