Üben für mehr Lebensfreude

11.10.03
Kategorie: Münster, Seminar

In Anfängerkursen hat bis jetzt noch jeder das Radfahren gelernt WN 11.10.2003, MÜNSTER. Annemarie Unkhoff ist nicht fürs Fallen anzogen. Mit ihrem dunkelblauen Hosenanzug sitzt sie auf dem Fahrrad und kurvt lächelnd um die rot-weißen Verkehrshütchen. Die Angst vorm Sturz ist während der fünften Einheit im Radfahrkursus so klein, dass sie ("Ich muss gleich noch zum Geburtstag") keine Angst um das gute Stöffchen hat. Sie hat sogar Zeit zum Lächeln. "Lächeln Sie", fordert Hajo Gerdemann vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Annemarie Unkhoff und die anderen Frauen auf. Denn wer lächelt, ist locker. Trotzdem ist sie gerade nicht besonders zufrieden mit sich: "Ich krall mich am Lenker fest, als wenn den einer klauen wollte", sagt sie.

Jedes Jahr veranstaltet der Radfahrerverein Kurse für Menschen, die nicht Rad fahren können. Am fünften Übungstag umspielt immer öfter ein Lächeln die Lippen der Teilnehmerinnen. "Hier kommt man doch mit dem Fahrrad zur Welt, oder?", fragt Annemarie Unkhoff. Die fast 70-Jährige hat das Radfahren nie gelernt. Die Mutter von fünf Kindern hatte immer ein Auto, wenn es etwas zu transportieren gab. Die anderen Wege machte die einstige Niedersächsin zu Fuß. Bis sie nach dem Tod ihres Mannes nach Münster gezogen ist, wo einer ihrer Söhne lebt. Und wo es "so schöne Radwege" gibt. Wenn sie den Kurs hinter sich gebracht hat, will sie die erkunden.

Eine andere Frau kommt extra zwei Mal die Woche aus Castrop-Rauxel nach Münster, um das Radfahren zu lernen. Ihre Eltern haben ihr das damals verboten, weil ihnen das zu gefährlich erschien. Wenn sie zwischen zwei aufrecht stehenden Isomatten hindurchfahren soll, zögert sie: "Ich kann mein Auto in die kleinste Parklücke setzen, aber mit dem Fahrrad komme ich da nicht durch."

Werner Ringkamp, Vorsitzender des ADFC Münster und Münsterland, bringt jeden zum Radfahren. In den vier Jahren, in denen er bei den Kursen Anschubhilfe leistet, habe noch jeder so Fahrrad fahren gelernt, dass er ihn "ruhigen Gewissens in den Straßenverkehr schicken konnte".

Kein Wunder: Schritt für Schritt führen die Experten die Anfänger an das Radeln heran. In den ersten Stunden haben sie das Rad zunächst nur am Sattel geschoben. Dann schraubten die Ehrenamtlichen vom ADFC die Pedale ab. Die Anfänger saßen zum ersten Mal auf dem Rad, stießen aber sich nur mit den Füßen ab, bevor sie in der nächsten Einheit das erste Mal in die Pedale traten und dann auch sofort das Bremsen übten. "Ich habe früher nie gewusst, wie viele Schritte nötig sind, um Rad zu fahren", sagt Ringkamp. Und um zu bremsen.

Annemarie Unkhoff lernt gerade: Wer radeln will, muss vor allem bremsen können. "Erst die Füße auf den Boden, wenn Sie das Rad mit der Handbremse zum Stehen gebracht haben", predigt Gerdemann. Mal klappt's. Mal klappt's nicht: "Die Bremse, die Bremse", schimpft Armemarie Unkhoff mit sich selbst und schlägt sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Wenn sie ein Fußgänger oder ein Hund überrascht, dann hat sie schon mal die Füße auf dem Boden, obwohl das Fahrrad noch rollt. Aber meistens kriegt sie die Kurve.

Heute muss sie durch zwei aufgestellte Isomatten durch: Ringkamp rät zum Blick auf einen kleinen Punkt hinter dem Hindernis: "Auf dat kleine Pinöppken müssen sie gucken", ruft er. Er genießt zu sehen, welche Fortschritte die Kursusteilnehmer machen und ihr Selbstbewusstsein wachsen zu sehen.

Nach dem Kurs sind die Frauen so weit, dass der ADFC sie in den Straßenverkehr entlässt. Sie müssen zwar weiter "üben, üben, üben", wie Gerdemann sagt. Aber es lohnt sich: "Der Zugewinn an Lebensfreude ist ungeheuer."

Westfälische Nachrichten (Mit freundlicher Genehmigung)
Autor: Stefan Werding
Foto: Jürgen Peperhowe

Stefan Werding

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