Das wichtigste Projekt für den Radverkehr in Wuppertal bleibt aus unserer Sicht die Wuppertaler Nordbahntrasse. Lange Zeit wurde überwiegend darüber diskutiert, was nicht geht. Aktuell wird versucht den Eindruck zu vermitteln, dass die Zeit des Stillstands überwunden sei.

Schein und Sein

Wir sehen aber eine Realität, die den Ankündigungen wieder einmal in keiner Weise stand hält. Am 19. Dezember hieß es von Seiten der Stadtverwaltung: Seit einigen Tagen wird der Abschnitt gepflastert, es werden 50 – 70 m am Tag fertiggestellt. Und was wirklich passierte waren 100 m in drei Wochen. Ja, es war Weihnachten und Neujahr, aber es gab auch in diesen 3 Wochen 14 Arbeitstage!! Dann sind also tatsächlich 5 m pro Tag (10qm!!!!! ) erstellt worden. An diesem noch nicht einmal 2 km langen Abschnitt wird jetzt seit 16. Mai !!! 2011  gebaut. Die offizielle Eröffnung im Sommer 2012 wird jetzt schon als Meilenstein im Trassenbau aufgebaut.

Wir wagen eine Prognose. Geht es im begonnenen Tempo weiter, steht der Eröffnung des nächsten Bauabschnitts im Jahr 2018 nicht entgegen.

Aber im Ernst: Kaum ein Mensch in Wuppertal (und noch weniger die drumherum) versteht, was hier passiert. Zur Zeit geht es nur um einfachsten Wegebau. Keine komplizierten Ingenieurbauwerke und auch keine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Wie es vorwärts geht, wenn die anspruchsvolleren Baumaßnahmen anstehen, malen wir uns lieber nicht aus.

Stadt wehrt sich gegen Kritik

Am Montag, dem 9.1.12 hat der zuständige städtische Beigeordnete, Herr Frank Meyer, in einem auch an die Medien weitergeleiteten Schreiben Stellung genommen und unsere Darstellung zurückgewiesen. Wir halten es für einen fairen Umgang miteinander, auch seine Sicht der Dinge unverfälscht darzulegen und veröffentlichen daher auch bei uns den Text ungekürzt.

Unsere komplette Presseerklärung, Grundlage für die Berichterstattung vom 23.11.2011 in der WZ und bei Radio Wuppertal, finden Sie hier.

Schreiben des Beigeordneten Frank Meyer vom 9.1.12

Sehr geehrter Herr Lang,
sehr geehrter Herr Hoffmann-Gaubig,

zunächst möchte ich Ihnen alles Gute, Gesundheit und Erfolg für 2012 wünschen.

Mit Verwunderung und Unverständnis habe ich Ihre von den Medien aufgegriffenen Äusserungen zur Kenntnis genommen, wonach entgegen der Behauptungen der Stadt Wuppertal in drei Wochen gerade einmal 100m Nordbahntrasse gepflastert worden seien.

Bei den derzeitigen Pflasterverlegungen und Randsteinsetzungen handelt es sich um Arbeiten, die der sog. '2. Arbeitsmarkt' für die 'Wuppertalbewegung' als Teil von deren Eigenleistung erbringt; dabei ist die Bereitstellung entsprechender Kapazitäten des 2. Arbeitsmarktes qua Vereinbarung Aufgabe der 'Wuppertalbewegung'.

Abgesehen davon, dass ihre Darstellung sachlich falsch ist (faktisch wurden bis Ende vergangener Woche weit mehr als 300m Weg gepflastert, mit den Pflasterarbeiten wurde am 7.12.11 begonnen), diskreditieren Sie die Mitarbeiter des 2. Arbeitsmarktes (ausschließlich Teilnehmer von Maßnahmen des 'Wichernhauses'), die durch ihren tollen Einsatz und ihr großes Engagement das Projekt 'Nordbahntrasse' überhaupt erst ermöglicht haben.

Die derzeit rund 25 Mitarbeiter des 'Wichernhauses' haben - trotz teilweise widrigster Wetterverhältnisse - noch vor Weihnachten mit dem Wegebau begonnen, um vor einem evtl. Wintereinbruch möglichst große Teile der Trasse fertig zu stellen. Und gerne gestehe ich den Kollegen des 'Wichernhauses' zu, über die Weihnachtsfeiertage und "zwischen den Jahren" nicht oder weniger zu arbeiten - übrigens haben auch viele (Bau-) Unternehmen des 1. Arbeitsmarktes über Weihnachten und "zwischen den Jahren" wegen Betriebsferien geschlossen.

Die eigentlichen Wegebauarbeiten haben nicht am 16. Mai begonnen (ab diesem Zeitpunkt wurden zunächst nur Leerrohre verlegt und der Schotter geschreddert), sondern erst im Oktober. Zunächst wurden dabei auf immerhin fast zwei Kilometern Länge - ebenfalls von den Kräften des 2. Arbeitsmarktes - zwei Reihen Randsteine gesetzt. Ab Dezember hat dann eine Firma des 1. Arbeitsmarktes das Planum für die Pflasterung binnen weniger Tage fertig gestellt, damit noch im alten Jahr mit den eigentlichen Pflasterarbeiten begonnen werden konnte. Dabei wurden und werden auch schon gleich die Schächte für die Lichtmasten gesetzt, was ebenfalls durch die zwischenzeitlich auf ein Drittel geschrumpfte Belegschaft des 2. Arbeitsmarktes sinnvollerweise gleich mit erledigt wird: wie Ihnen sicherlich bekannt ist, konnte die 'Wuppertalbewegung' bei dem von ihr selbst errichteten Abschnitt Ostersbaum noch auf rund 70 Arbeitskräfte des 2. Arbeitsmarktes zurückgreifen, zwischenzeitlich konnte ein großer Teil der seinerzeit Beschäftigen erfolgreich in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden.

Wir gehen weiterhin fest davon aus, dass der von uns selbst gesteckte Zeitplan eingehalten wird und die Trasse in den innerstädtischen Bereichen bis 2013 durchgehend benutzbar ist. Die Außenbereiche werden, sofern der Förderbescheid wie erwartet in den nächsten Wochen eintrifft, nach unserem Zeitplan bis 2014 realisiert. Die Stadt hat bekanntlich im April 2011 die Bauherreneigenschaft und damit die Federführung für die Bauausführungen und damit die Regie für das Projekt NBT in den sog. "Außenästen" und den Förderbereichen I und III übernommen; im Förderbereich II bleibt die 'Wuppertalbewegung' Bauherr.

Ich würde ich mich freuen, wenn Sie Ihre Aussagen richtig stellen würden und habe mir erlaubt, diesen Brief angesichts der Berichterstattung der letzten Tage auch an die Wuppertaler Medien weiter zu geben.

Mit freundlichen Grüßen,
Frank Meyer

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Technischer Beigeordneter der Stadt Wuppertal, Leiter des Geschäftsbereiches Stadtentwicklung, Bauen, Verkehr und Umwelt Johannes-Rau-Platz 1, 42275 Wuppertal

Antwort der ADFC-Vorsitzenden vom 10.1.

 

Sehr geehrter Herr Meyer,

es ist für uns nachvollziehbar, dass Sie sich nicht über die Zeilen auf unserer Homepage gefreut haben, wir halten sachliche Kritik aber weiterhin für gerechtfertigt. Ihre in diesem Zusammenhang gemachten Aussagen können wir zum Teil nicht nachvollziehen. Dies gilt insbesondere für den Vorwurf, wir diskreditierten die Menschen, die im Rahmen des zweiten Arbeitsmarktes Aufgaben im Trassenbau wahrnehmen.

Unseren Aussagen bewerten nicht die persönlichen Arbeitsleistung einzelner Menschen, weder direkt noch zwischen den Zeilen. Wir haben uns vielmehr auf die Ankündigung der Stadt Wuppertal am 19.12.11 in der WZ bezogen, dass nun pro Tag 50 - 70 m Trasse gepflastert würden. Dann haben wir uns angeguckt, wie viel Strecke denn nun in drei, oder wenn wir die von Ihnen genannten Daten sehen, fünf Wochen entstanden ist. Wir haben heute noch einmal persönlich nachgemessen. Es sind bisher exakt 430 Meter (Stand 10.1.12 abends) gepflastert, die Randsteine stehen für weitere 750 m. Die Differenz zur Ankündigung ist immer noch gewaltig. So haben wir auf die Diskrepanz zwischen angekündigter und ausgeführter Geschwindigkeit hingewiesen, die Angabe des Durchschnitts je Tag im ursprünglichen Text jetzt aber der aktuellen Situation angepasst.

Für die Ankündigungen sind aber nicht die Menschen in dem Bautrupp verantwortlich. Wir wissen nicht, wie viele Menschen eingesetzt waren oder wie viele über den Jahreswechsel Urlaub hatten. Wenn es Gründe gibt, die zu dem geringeren Tempo der Baumaßnahmen führen, muss man diese einplanen und nicht so hohe Zahlen in den Raum werfen. Es bewirkt sonst wieder einen weiteren Schritt zur Frustration durch nicht erfüllte Erwartungen. Davon haben wir einfach schon zu viele gehabt. Wir wollen daran erinnern, dass schon diverse Zeitpläne existiert haben und der angekündigte Fertigstellungstermin immer weiter nach hinten wandert. Außerdem hatten wir die Hoffnung, dass die Stadt nach der Übernahme der Bauverantwortung nun tatsächlich beweisen will, dass es jetzt deutlich voran geht. Gerade der langsame Baufortschritt außerhalb der „Schaustücke“ war jedenfalls in der Vergangenheit einer der Vorwürfe an die Wuppertalbewegung.

Für uns ist nicht wichtig, ob seit Mai Schotter geschreddert, Leerrohre, Randsteine oder Pflaster verlegt wurde. Auf jeden Fall liefen bautechnisch einfache Arbeiten. Die Strecke muss endlich fertig werden. Wir sehen die Gefahr, dass der Wegebau gerade dann abgeschlossen wird, wenn die Tunnelsperren für die Sanierungsarbeiten beginnen. Eine durchgehende Befahrbarkeit des innerstädtischen Abschnitts wäre somit auch in diesem Jahr nicht gegeben.

Unserer Befürchtung ist weiter, dass noch größere Probleme auf uns zu kommen. Die Kosten führen ja offensichtlich bereits jetzt zu Einschnitten im Projekt (Wegebreite, Verzicht auf Ruhezonen und ähnliches). Damit wird der konkrete Nutzwert der Strecke verringert. Dabei kann man nach unserer Einschätzung nur einen geringen Teil der Kosten über solche Abstriche bei der Bauausführung einsparen. Wesentlich mehr wäre möglich, wenn die Ausführung der Brücken- und Tunnelsanierung weniger aufwändig gestaltet würde. Nebenbei würde dies die Baumaßnahmen auch enorm beschleunigen.

Im Übrigen: Seien Sie versichert, dass wir auch in Zukunft einen respektvollen Umgang miteinander pflegen wollen und werden. Wir möchten uns nicht in einer weiteren Schlammschlacht wiederfinden, von denen es inzwischen schon zu viele gegeben hat. Wir werden uns auch weiterhin konstruktiv an der Entwicklung des Radverkehrs in Wuppertal rund um die und abseits von der Nordbahntrasse einbringen. Aus diesem Grund werden wir nach diesem Brief zunächst auch keine weiteren öffentlichen Erklärungen abgeben. Gleichzeitig haben wir auch Ihr Schreiben auf unserer Homepage veröffentlicht und würden dass auch mit einer weiteren Stellungnahme machen.

Eine Bemerkung aber zum Abschluss: Traurig waren wir, dass die Stadt den Vorschlag zum Einsatz eines Schlichters oder Vermittlers, wie er im Dezember diskutiert wurde, bisher ablehnt. Es gibt im näheren Umkreis hoch kompetente Menschen, die ähnliche Projekte erfolgreich abgewickelt haben. Nach unseren Informationen ist auch eine Bereitschaft von mindestens einer sehr gut geeigneten Person vorhanden, sich im Bereich Nordbahn zu engagieren. Wir sind der Überzeugung, dass unser Wuppertaler Projekt von seiner fachlichen Expertise und ergebnisorientierten Arbeitsweise stark profitieren könnte.

Mit freundlichen Grüßen und auch von unserer Seite den besten Wünschen für das Jahr 2012,
Lorenz Hoffmann-Gaubig und Klaus Lang

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