Mountainbikes, Jugendkultur und St. Florian

Radfahren in Wuppertal boomt. Das gilt nicht nur auf der Straße, auch das Mountainbike findet immer mehr Anhänger. Doch während die Verhältnisse auf der Straße zumindest rechtlich geklärt sind und die Bedingungen auch in Wuppertal langsam besser werden, bewegen sich die MTB-Fahrer beim Downhill-Fahren immer am Rand der Illegalität. Zwar ist das Radfahren auf Waldwegen prinzipiell erlaubt, spätestens bei der Abfahrt müssen für interessante Pisten aber die etablierten Wege verlassen werden. Denn wirklich interessant sind die Strecken, die auch steile Abfahrten, Hindernisse oder Sprünge enthalten.

In den letzten Jahren sind überall im Stadtgebiet illegale Downhill-Strecken entstanden. Meist entwickelt sich dann ein Kleinkrieg zwischen Forstbehörde und Mountainbikern. Immer wieder wird versucht, die Strecken zu blockieren, aber nach kurzer Zeit sind Hindernisse beseitigt oder umfahren. Ökologisch ist den Wäldern sicher nicht geholfen, wenn immer wieder neue Streckenführungen genutzt werden.

In den letzten zwei Jahren gab es nun eine Annäherung zwischen Forstbehörde und Mountainbikern. Das Ziel war eine Legalisierung einer Piste unter festgelegten Rahmenbedingungen. Als Partner hat sich der RC Adler Lüttringhausen etabliert, der in Eigenarbeit ohne Kosten für die Stadt eine bereits seit 10 - 15 Jahren genutzte Strecke im Kothener Busch ausbauen will. Wegekreuzungen sollen gesichert, Regeln aufgestellt und überwacht werden. Die geplanten Maßnahmen wurden baurechtlich vorbereitet und abgestimmt. Gleichzeitig wird eine Haftpflichtversicherung für die Biker abgeschlossen. Die Stadt erhofft sich von diesem Modell eine Kanalisierung der Nutzung. Die Deckung eines Bedarfs bei Verringerung ökologischer Schäden kann gelingen, wenn auf diesem Weg weitere illegale Pisten nicht betrieben werden. Stein des Anstoßes für viele Anwohner ist allerdings die An- und Abfahrt, die durch enge und teilweise steile Wohnstraßen und über von Spaziergängern genutzte Wege führt.

In dieser Situation hatte der Kothener Bürgerverein kurz vor der entscheidenden Sitzung der Bezirksvertretung Barmen zu einer Diskussionsveranstaltung eingeladen. Es wurde eine schwierige und merkwürdige Veranstaltung. Schon vor Beginn wurde deutlich, dass viele AnwohnerInnen nicht über Sinn oder Gestaltung der Strecke diskutieren, sondern sie auf jeden Fall verhindern wollten. So wurde nach einer kurzen Einleitung ohne weitere störende Detailinformation kräftig über die Planungen vom Leder gezogen. Wie üblich, erklärten die meisten der RednerInnen, dass man natürlich den jungen Leuten ihren Spaß gönne, aber doch bitte vielleicht am Scharpenacken oder Küllenhahn oder Schwelm, aber natürlich nicht im für diese Zwecke völlig ungeeigneten Kothener Busch. Es wurden Szenarien überfahrener Kinder und zu Tode erschreckter Spaziergänger in den Raum gestellt, verschiedene Fast-Unfälle oder empfundene Fast-Unfälle geschildert und ein Bild vollkommen rücksichtsloser Mountainbiker gezeichnet, die bei der Durchfahrt durch die Straßen und Wege am oberen und unteren Ende der Strecke offensichtlich eine viel größere Gefahr für die Anwohner und Ihre Kinder darstellen als der Autoverkehr in diesen Straßen.

Erst nach längerer Zeit kamen auch Befürworter des Projekts  im Publikum zu Wort. Sie versuchten, die Diskussion auf einer deutlich sachlicheren Ebene zu führen, wurden dafür allerdings oft angefeindet. Sie verwiesen darauf, dass gerade durch die Legalisierung mit dem Einsatz eines verantwortlichen Betreibers der Mountainbikeverkehr im Kothener Busch kanalisiert wird. Durch geplante bauliche Maßnahmen soll dabei an Kreuzungen mit dem Spazierwegnetz die Geschwindigkeit deutlich reduziert werden. Andererseits wird durch die Strecke der Druck vom sonstigen Wegenetz genommen. Hier ist das Radfahren ja sogar legal und unterliegt keinen Beschränkungen außer den allgemeinen Grundsätzen gegenseitigere Rücksichtnahme. Der betreibende Verein machte sein Interesse an einer friedlichen Einigung mit den Anwohnern deutlich und erklärte, ggf. Druck auf Fahrer zu machen, die sich nicht an die vereinbarten Regularien hielten.

Auch der Vertreter des Stadtbetriebs Forsten stellte dar, dass es aus Sicht der Stadtverwaltung eine Notwendigkeit zur Schaffung eines entsprechenden Angebots gebe. Die Erfahrung habe gezeigt, dass sich ohne legale Alternative immer wieder neue illegale Nutzungen ergeben.

Wie schon nach den aufgeschnappten Gesprächen vor der Veranstaltung nicht anders erwartet, fielen solche Argumente auf wenig fruchtbaren Boden. Regelungen würden sowieso nicht eingehalten, und überhaupt sei das Projekt gerade an dieser Stelle einfach falsch. Ein junger Mann aus der Bikergruppe brachte es auf den Punkt, als er ziemlich entsetzt feststellte, wie wenig Toleranz und Akzeptanz sie aus dem Kreis der überwiegend älteren Generation der Anwohner erführen, obwohl sie doch gerade den Weg der Zusammenarbeit suchten und bereit wären, in einen Dialog um Probleme einzutreten.

Der ADFC machte als erster Befürworter nach vielen kritischen Beiträgen seine Position als Unterstützer dieser Strecke deutlich. Wir wollen hier die Möglichkeit nutzen, diese Position noch etwas Ausführlicher darzustellen.

Aus unserer Sicht ist es eine zwingende Notwendigkeit, auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Das Erleben von Natur, gepaart mit sportlicher Herausforderung und ein wenig Nervenkitzel sind Elemente einer sinnvollen Freizeitgestaltung. Hierfür muss es auch in unseren direkten Umfeld Platz geben. Es ist keine Lösung, Jugendliche oder Erwachsene auf Strecken irgendwo weit weg zu verweisen. Wir brauchen daher im Stadtgebiet auch an verschiedenen Stellen entsprechende Angebote, da man sonst den Bedarf nicht decken kann und eine Überbeanspruchung an der eine Piste zu befürchten ist.

Natürlich bedeutet des Downhillfahren immer auch eine Eingriff in die Natur. Gerade deshalb ist es sinnvoll, diese Aktivitäten zu koordinieren, zu bündeln und zu kontrollieren und damit die wilde Abfahrerei abseits jeder Regelung deutlich zu reduzieren. Wenn dabei ein solches auf viel Eigeninitiative und Verantwortungsbereitschaft beruhendes Projekt nach dem St. Florians-Prinzip kompromisslos abgelehnt wird, ist dies ein fatales Signal. Letztlich resultiert genau aus dieser Grundeinstellung die Kinder- und Jugendfeindlichkeit unserer Gesellschaft.

Der ADFC hofft, dass sich das Miteinander an dieser Strecke am Ende durchsetzen wird. Die Bezirksvertretung Barmen hat am 8. September mit deutlicher Mehrheit der Einrichtung für zunächst ein Jahr zugestimmt. Bei einem erfolgreichen Test sollte aus unserer Sicht auch eine Ausweitung auf andere Strecken angestrebt werden , um auch für Jugendkiche erreichbare Angebote in anderen Stadtteilen anzubieten. Der ADFC hat bereits in der Vergangenheit entsprechende Einrichtungen eingefordert und wird auch in Zukunft Lösungsversuche unterstützen.

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