Gemeinsame Presseerklärung von ADFC Wuppertal, Pro Bahn Bergisch Land und VCD Bergisch Land zur Nahverkehrssituation in Wuppertal

     

 

Die Handhabung des Nahverkehrs in Wuppertal war in den vergangenen Wochen eine schwierige Aufgabe. Wie bereits zwei Monate zu Jahresbeginn 2010 gab es extreme Wetterbedingungen, die in Kombination mit dem rücksichtslosen Verhalten mancher PKW-Besitzer die Abwicklung des Busverkehrs erschwert haben.

Aus unserer Sicht kann das jedoch keine Rechtfertigung für eine wochenlange Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs  in weiten Teilen des Stadtgebiets sein.  Sowohl die Abwicklung des Verkehrs als auch die Informationspolitik waren vollkommen unzureichend.

Mehr als die Hälfte der Wuppertaler BürgerInnen verfügt über keinen eigenen PKW. Viele dieser Menschen sind in ihrer Mobilität eingeschränkt. Viele setzen in ihrem Mobilitätsverhalten auch freiwillig und aus Überzeugung auf die Nutzung des ÖPNV. Für diese Menschen muss der Nahverkehr aber ein verlässlicher Partner sein, der auch und gerade bei schwierigen Witterungsbedingungen das Mobilitätsbedürfnis sicherstellt.

Kritikwürdig ist aus unserer Sicht eine Vielzahl an Einzelpunkten. Manche können von den WSW allein, andere sicher auch nur in Zusammenarbeit mit der Stadt gelöst werden.

Erste Aufgabe ist die Sicherstellung der Bedienung aller Stadtteile. Auch bei akuten Schneefällen muss ein Grundnetz aufrecht erhalten werden, dass die Andienung aller Stadtteile sicherstellt. Ist das mit den Bussen in der heutigen Ausstattung nicht zu lösen, muss zum Beispiel der Einsatz von Bussen mit Schneeketten erwogen werden. Stattdessen gab es seitens der WSW aber bei aufkommenden Problemen meist einen zentral verordneten Stillstand auf allen Strecken.

Spätestens nach zwei bis drei Tagen muss der Linienweg aller Strecken wieder bedient werden. Werden Fahrwege zu schmal, um einen Begegnungsverkehr zuzulassen, gibt es verschiedene Lösungsmöglichkeiten. PKW, die den Linienverkehr behindern, sind notfalls abzuschleppen. Außerdem können in diesen Straßen temporäre Halteverbotszonen eingerichtet werden, an denen eine Begegnungsfläche für große Fahrzeuge eingerichtet wird. Ist das nicht möglich, muss über die Einrichtung temporärer Einbahnstraßen nachgedacht werden. Durch Einwegverkehr kann dann über die Anbindung an die Hauptstrecken zumindest ein Angebot für den Grundbedarf geschaffen werden. Sind die Straßenverhältnisse so schlecht, dass die Busse Probleme auf schneeglatter Fahrbahn bekommen, ist über Pendelverkehr mit Fahrzeugen mit Schneeketten nachzudenken. Eine weitere Option besteht im Einsatz von z.B. Großraumtaxis im regelmäßigen Pendelverkehr zu den Anbindungspunkten der noch verkehrenden Linien.

Haltestellen sind so zeitnah zu räumen, dass Fahrgäste auch Zustieg zu den Bussen bekommen. Das dies noch nicht einmal an den zentralen Haltestellen wie dem Hauptbahnhof/Döppersberg gelingt, ist unverständlich. Auf Grund der großen Zahl an Haltestellen im Stadtgebiet ist das sicher nicht überall zu gewährleisten. Wenn ein Bus führe, wären aber vermutlich auch viele BürgerInnen zur freiwilligen Hilfe bereit, wenn man sie darum bittet.

Die Informationspolitik der Stadtwerke ist ein Fiasko. Probleme im Busverkehr gab es seit Ende November. Im Internet waren die Informationen erst in zweiter oder dritter Ebene der Seiten zu finden. Selbst Anfang Januar konnte man auf den Internetseiten keine Linienspezifischen Informationen abrufen. Die vage Angabe über Störungen in Stadtteilen ist aber unnütz. Kunden benötigen konkrete Informationen zu einzelnen Linienwegen und Haltestellen. Zusätzlich wurden manche Bereiche nicht erwähnt, obwohl es wochenlang keinen Busverkehr gab (Beispiel die Quartiersbuslinien ab Sonnborn).  Auch telefonisch waren keine besseren Auskünfte zu erlangen.

Eine gut informierte telefonische Hotline muss vorgehalten werden. Diese Informationen müssen außerdem, auch zur Entlastung der Hotline, permanent im Internet aktualisiert werden.

Die von uns gemachten Vorschläge erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Leider hatten wir aber in den vergangenen Wochen den Eindruck, dass es seitens der WSW keine adäquate Reaktion auf die Wetterbedingungen gegeben hat.

Im topographisch mindestens ebenso schwierigen Remscheid haben es die Verkehrsbetriebe trotz mancher Einschränkungen besser gemeistert. Vielleicht wäre in Zusammenarbeit etwas zu verbessern.

ADFC, Pro Bahn und VCD sind klare Befürworter einer Verkehrspolitik mit Schwerpunkten im ÖPNV. Wir fordern aber eine bessere Vorsorge für den für die Zukunft ein und können nicht verstehen, dass es nicht schon nach den weitgehend gleichgelagerten Problemen des Winters 2009/2010 Krisenpläne gegeben hat. Wir fordern eine Konzeption für die Zukunft, die das Mobilitätsbedürfnis der Stadtbevölkerung sicherstellt.

Betroffene Stammkunden müssen für die nicht erbrachten Leistungen der vergangenen Wochen durch Rückzahlung von Abonnementsgebühren angemessen entschädigt werden.

Antwort der WSW, mit Anmerkungen

Die Reaktion der WSW auf diese Presseerklärung ließ nicht lange auf sich warten. Sie verdient es aus unserer Sicht allerdings, kommentiert zu werden. Der WSW Text ist zur besseren Unterscheidung Fett gedruckt, unsere Anmerkungen sind das dünne Schriftbild kursiv.

WSW nehmen Stellung zur Kritik am Nahverkehr

10.01.2011 18:58

Die Wuppertaler Stadtwerke haben die gemeinsame Pressemitteilung von ADFC, VCD und Pro Bahn mit Verwunderung zur Kenntnis genommen. Sowohl der eine oder andere Vorwurf, wie auch der Zeitpunkt, zu dem diese geäußert werden, ließen Fragen offen.

Hier die Stellungnahme der WSW  zu den zentralen Punkten:

1. Die WSW haben auch bei akuten Schneefällen stets versucht, die Anbindung aller Stadtteile aufrecht zu erhalten, etwa durch den Einsatz kleinerer Busse im Pendelverkehr. Die Einstellung des Busverkehrs erfolgte stets nur aus Sicherheitsgründen, etwa wenn es schon zu Auffahrunfällen gekommen war und ein Weiterbetrieb zu gefährlich wurde. Die Sicherheit hat beim Betrieb des Nahverkehrs absoluten Vorrang.

Für Kunden ist es nur schwer verständlich, wenn z.B. in Vohwinkel alle WSW-Busse stehen, während die von der Rheinbahn, den privaten Subunternehmern und den Stadtwerken Solingen betriebenen Linien, der O-Bus gar noch mit Gelenkwagen, weiterhin den Liniendienst absolvieren.

2. Der Einsatz von Schneeketten ist zu teuer und kaum zweckdienlich. Allein die Investition wäre erheblich, hinzu käme zusätzliches Personal, um die Ketten auf die 260 Fahrzeuge aufzuziehen. Dabei wäre der Nutzen nicht einmal ausreichend gegeben. Ketten nutzen nur auf schneebedeckten Straßen, etwa in Süddeutschland, wo Schneepisten präpariert werden. Da in den hiesigen Breiten gestreut wird, wären die Ketten schnell defekt, da sie auf Aphalt bei den schweren Fahrzeugen rasend schnell verschleißen.

Kein Mensch hat die Ausrüstung von 260 Fahrzeugen mit Ketten gefordert. Einige Fahrzeuge könnten aber durchaus, auch kurzfristig mit Ketten ausgerüstet werden und dann zu nächst die Versorgung der Hauptachsen in die Stadtteile und später evtl. von wenig geräumten Nebenstrecken übernehmen. Außerdem ist der Vorschlag eine vorstellbare Maßnahme, wenn die WSW andere und bessere Ideen haben, immer gerne. Wir wollen nicht der bessere Busbetreiber sein, erwarten aber sachdienliche Lösungen.

3. Alle Kritik kann aber auch nicht die Schnee- und Eisberge aus dem Wege räumen, die den Nahverkehr nachhaltiger behindert haben als die akuten Schneefälle. Hier haben die WSW Geld und Personal eingesetzt, um mit Radladern und Lkw zumindest einige Ecken freizuräumen.

Erst im Januar haben wir entsprechende Aktivitäten wahrgenommen. Es war kein Konzept erkennbar, kurzfristig die Befahrbarkeit der Linienwege sicherzustellen, statt dessen wurde gewartet bis sich die Schneeberge zu Eisbergen verfestigt hatten. Es hätte sicher auch eine bessere Koordination mit Räumdienst und Ordnungsbehörde benötigt, hier eher zum Erfolg zu kommen. Für die Kunden sind aber keinerlei Aktivitäten erkennbar gewesen. Es gab keine öffentliche Diskussion über die Möglichkeiten, Strecken frei zu räumen. Es gab keine verlässlichen Pläne über "Notlinien". Es gab kein Ersatzangebot.

4. Bei der Information der Fahrgäste haben die WSW schnell reagiert. Alle Informationen sind längst linienscharf und mit häufigen Aktualisierungen im Internet abrufbar. Auch telefonisch können diese Informationen abgerufen werden. Trotzdem werden sich die WSW dieses Themas annehmen, um den Nachrichtenfluss für die Kunden weiter zu verbessern.

Die Mitarbeiter der telefonischen Hotline haben vielen Kunden keine ausreichenden Informationen geben können. Wenn z.B. ein Kunde fragt, ob es vom Raukamp noch irgendeine Fahrtmöglichkeit nach Cronenberg gibt, sollte das auch ohne Angabe von allen in Frage kommenden Liniennummern beantwortet werden können. An diesem Tag fuhr wieder einmal kaum ein Bus, die Mitarbeiterin an der Hotline kannte aber die räumlichen Verhältnisse gar nicht.
Selbst am Sonntag, dem 9.1, gab es noch keine Infos, ob die Buslinie 629 ab Montag wieder den Betrieb aufnimmt. Weder Hotline noch Internet brachten Aufschluss.
Im Internet gab es wochenlang keine Infos zu einzelnen Linien. Die an Radio Wuppertal gelieferten Informationen widersprachen auch oft der tatsächlichen Verkehrssituation.

5. Als Nahverkehrsunternehmen macht es den WSW sicherlich keine Freude, ihren Kunden Einschränkungen zumuten zu müssen, umso mehr freut es uns, dass der Verkehr mittlerweile auf allen Linien wieder reibungslos läuft.

Als aktive Befürworter des öffentlichen Personennahverkehrs sind wir nicht glücklich, einen solchen Eindruck vom Krisenmanagement wiedergeben zu müssen.Bereits im Frühjahr 2010 gab es wochenlange Linienausfälle insbesondere in Cronenberg, Sudberg und Ronsdorf, im Dezember kamen auch Sonnborn, Zooviertel, Nützenberg, Sedansberg, Nordstadt und andere Bereiche hinzu. Wo blieb das im Frühjahr versprochene Lernen aus den Problemen?
Nachdem es nun aber zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres erhebliche Probleme gab war es an der Zeit, diese offen anzusprechen. Im Übrigen gab es in unserer Mitgliedschaft einen selten zuvor erlebten Grad der Verärgerung.

Dies gilt insbesondere, da wir sonst einen deutlich besseren Eindruck vom Wuppertaler ÖPNV haben. Wenig Verständnis haben wir aber für Schönrederei der Situation im Nachhinein.

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