Aktuelles aus Mönchengladbach

Warum so eilig?

14.09.18
Kategorie: Mönchengladbach, Verkehr

Ein Plädoyer für Tempo 30

Tempolimits werden hierzulande genauso verbissen diskutiert wie Waffengesetze in den USA. Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem es keine allgemeine Höchstgeschwindigkeit gibt. Nicht nur auf der Autobahn, auch in den Städten tun wir uns schwer.

Durch Gesetzgebung und Rechtsprechung waren die Kommunen in der Vergangenheit verpflichtet, den Belangen des fließenden Kfz-Verkehrs Vorrang einzuräumen. Dies beginnt sich langsam zu ändern. Eine Geschwindigkeitsbeschränkung war bisher nur bei einer konkreten Gefährdung (z. B. vor einer Schule, Altersheim) zulässig. Eine das allgemeine Risiko übersteigende Gefährdungslage konnte nur angenommen werden, wenn konkrete Unfallzahlen vorlagen. Ebenso wie andere Verkehrsvereine und lokale Bürgervereine, der Deutsche Städtetag und das Umweltbundesamtfordert der ADFC seit langem, dass im Innenstadtbereich die normale Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h redu- ziert wird, und dass höhere Geschwindigkeiten nur noch ausnahmsweise auf dafür geeigneten Vorrangstraßen zugelassen werden.

Als Radfahrer freuen wir uns natürlich über einen langsameren Autoverkehr, aber wie sieht es für die Autofahrer aus? Das wichtigste Gegenargument aus Sicht der Autofahrer ist der Zeitverlust. Hier geht es allerdings oft mehr um Emotionen („Spaß am Fahren“) als um die Sache.

Versuchsfahrten

Ich wollte einmal genau wissen, was Tempo 30 für mich als Autofahrer bedeutet. Da ich in letzter Zeit aus gesundheitlichen Gründen oft aufs Auto angewiesen war, habe ich einen Selbsttest gemacht: Vier Autofahrten mit Stoppuhr von der Talstraße in Odenkirchen bis zum Pahlkebad in Rheydt, hin und zurück, einfache Entfernung 5,5 km. Bei der Hälfte der Fahrten habe ich 30 km/h nicht überschritten, die andere Hälfte wie üblich mit 50 km/h. Alle Fahrten fanden werktags tagsüber statt, allerdings nicht während des starken Berufsverkehrs. Weitere Bedingungen: zügige Fahrweise und Beachtung aller Verkehrsregeln. Wenn sich hinter mir manchmal eine längere Schlange bildete, bin ich kurz an die Seite gefahren und habe alle vorbei gelassen, aber die Stoppuhr nicht angehalten. Zeiten für die Parkplatzsuche wurden nicht erfasst.
Der Zeitgewinn von durchschnittlich einer Minute pro Fahrt ist also eigentlich kaum der Rede wert (siehe Tabelle unten). Diese Messungen haben bei normaler Verkehrslage stattgefunden. Im dichten Berufsverkehr kämen noch weitere Behinderungen dazu, sodass der Unterschied sogar noch geringer wäre. Rechnet man auch noch die zeitaufwändige Parkplatzsuche hinzu, wäre ein Zeitgewinn überhaupt nicht mehr erkennbar. Das entspricht durchaus verkehrswissenschaftlichen Erkenntnissen der letzten 50 Jahre, dass die Reisegeschwindigkeit mehr durch Fahrtunterbrechungen als durch die Höchstgeschwindigkeit bestimmt wird.



Die Situation in MG

In Mönchengladbach sind in letzter Zeit Geschwindigkeitsbeschränkungen überwiegend aus Gefährdungs- oder Lärmschutzgründen eingeführt worden, aber nur soviel wie unbedingt nötig, was zu einem Flickenteppich von unterschiedlichen Höchstgeschwindigkeiten geführt hat: 20/30/40/50 km/h wechseln sich in kurzer Folge ab. Ein Beispiel: In Odenkirchen im Verlauf Mülgaustraße-Burgfreiheit, aus Rheydt kommend: Zuerst Tempo 50, dann vor dem Gymnasium 30, dann auf einem kurzen Stück mit Engstellen, Bushaltestellen und Ampelkreuzung wieder 50, anschließend in der Einkaufszone 20, ohne dass irgendwo ein Drempel für die Einhaltung sorgt; und das alles spielt sich auf weniger als einem Kilometer ab. Gegenüber einem gleichmäßigeren Verlauf führt das zu einem Zeitgewinn von wenigen Sekunden, aber auch zu mehr Lärm, Unruhe, Energieverbrauch und Emissionen. Und vor allem: diese Begrenzung wird so nicht ernst genommen.

Einfahrt in die „verkehrsberuhigte“ Tempo20-Zone in Odenkirchen

Ein weiteres Beispiel ist die Strecke von Wickrath nach Wickrathberg, verkehrsmäßig außerhalb der Ortsschilder. Hier sind 70 km/h erlaubt,auf einer Länge von 800 m. Dies ausgerechnet vor dem Freibad, wo zahlreiche Kinder die Straße zur Bushaltestelle überqueren müssen. Es muss zuerst ein Unfall passieren, bevor eine konkrete Gefährdung angenommen wird. Für den eiligen Autofahrer unter Berücksichtigung der Beschleunigungs- und Bremsphasen ergibt sich auf diesem kurzen Stück ein lächerlicher Zeitgewinn von 15 Sekunden gegenüber Tempo 50.

Ein bisschen Physik

Eine höhere Geschwindigkeit erhöht sowohl die Wahrscheinlichkeit als auch die Schwere von Unfällen. Unser Gefühl für die einer Situation angemessene Geschwindigkeit täuscht uns oft. Was bedeuten schon 20 km/h mehr? Ganz einfach: Die Bewegungsenergie, die in einem Fahrzeug gespeichert ist, und die beim Bremsen oder bei einem Aufprall abgebaut werden muss, hängt vom Quadrat der Geschwindigkeit ab. Statt 30 x 30 = 900 Energie-Einheiten bei Tempo 30, müssen bei der höheren Geschwindigkeit 50 x 50 = 2500 Einheiten abgebaut werden, also fast die dreifache Menge. Die Wucht eines Aufpralls mit 30 entspricht einem Sturz aus 3,5 m Höhe, einem Fall aus dem Fenster im ersten Stock. Der Aufprall mit 50 dagegen ist vergleichbar mit einem Sturz aus 9,6 m, also aus dem dritten Stock. Unvergessen ist mir die Vorführung der Polizei beim Verkehrssicherheitstag in Rheydt, bei dem ein Auto mit 30 km/h nur wenige Zentimeter vor einem Radfahrer zu stehenkam. Bei dem gleichen Versuch mit 50 km/h flog der Radfahrer nach dem Aufprall hoch durch die Luft. Zum Glück war es nur ein Dummy, sonst wäre ganz klar ein Todesfall daraus geworden.

Doch nicht nur die Physik, auch zahlreiche andere schwer zu berechnende Faktoren sprechen für Tempo 30, wie z. B. eine bessere Wahrnehmung der Umgebung durch den Autofahrer und die Möglichkeit, Fahrfehler rechtzeitig zu korrigieren, und schließlich die Aufenthaltsqualität in der Stadt für alle.



Heino Theissen

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